Leben mit einem Angsthund: Kiras Weg zurück ins Leben
„Ich fühle mich so hilflos, weil ich einfach nicht mehr weiß, was ich noch machen kann. Wie ich ihr helfen kann. Kennen Sie sich mit solchen Problematiken aus?“
Diese Nachricht bekam ich im August 2025.
Solche Anfragen erreichen mich regelmäßig. Und trotzdem bleibt jede einzelne hängen. Denn zwischen den Zeilen steht meistens viel mehr als ein Hund mit einem Verhaltensproblem. Da schreibt ein Mensch, der schon alles versucht hat. Der hofft. Zweifelt. Sich verantwortlich fühlt. Und langsam nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll. Und trotzdem noch einmal die Hand hebt und fragt: “Kann mir jemand helfen?”
So fing es an. Mit Miriam. Und mit einer Hündin, die verlernt hatte, wie man lebt.
Damals lebte Kira seit vier Monaten bei Miriam, ihrem Mann, zwei kleinen Kindern, Katzen und einem weiteren Hund. Vermittelt worden war sie als unterwürfig, aber nicht ängstlich. Miriam hatte vor der Vermittlung mehrfach gefragt, ob Kira mit Kindern zurechtkommt, ob sie andere Hunde kennt und ob sie mit dem Leben in einer Großstadt klarkommen würde.
Die Realität sah anders aus, wie Miriam schrieb:
„Sie kam als extrem unsicherer und ängstlicher Hund an. Von Anfang an suchte sie sich das Bett als ihren einzigen sicheren Rückzugsort aus und verbringt dort fast den gesamten Tag. Sie verlässt es tagsüber nie.
In der Nacht geht sie seit zwei Wochen auf den Boden und bewegt sich in einem kleinen, auf zwei Zimmer begrenzten Radius. Sie macht ihre Geschäfte ausschließlich nachts in einem Zimmer, hält jeden Tag über 16 Stunden ein und frisst auch nur in meiner Nähe.
Ihre Problematik zeigt sich vor allem in der starken Tageshemmung. Selbst Geräusche oder Situationen, die sie nachts problemlos toleriert, lassen sie tagsüber zögern. Fortschritte treten nur in sehr kleinen Schritten auf und werden immer wieder von längeren Phasen ohne sichtbare Entwicklung unterbrochen.“
Diese Zeilen haben mich berührt. Nicht, weil sie besonders dramatisch formuliert waren. Sondern weil sie so präzise beschrieben, was bei schwer belasteten Hunden oft passiert: Da ist nicht einfach Unsicherheit. Da ist ein Nervensystem, das im Ausnahmezustand feststeckt.
Und da ist ein Mensch, der daneben steht, alles versucht und trotzdem das Gefühl hat, nichts zu erreichen.
Das ist Kiras Geschichte. Und es ist Miriams Geschichte. Eine Geschichte über Angst, Deprivation, Trauma, Rückschritte, durchwachte Nächte und eine Familie, die ihr Leben Stück für Stück um einen Hund herum neu geordnet hat.
Nicht, weil das romantisch ist.
Sondern weil Kira es gebraucht hat.
Und weil sich manchmal aus vielen winzigen Schritten irgendwann doch ein großer Weg formt.
Wer ist Kira?
Bevor ich erzähle, wie Miriam und ihre Familie diesen Weg erlebt haben, müssen wir Kira kennenlernen. Denn Kiras Geschichte beginnt nicht in Deutschland. Sie beginnt viel früher. In Albanien.
Kira wurde als Welpe ohne ihre Mutter aufgefunden. Das einzige Weibchen unter sechs Rüden. Fünf Wochen alt.
Ein Welpe sollte in diesem Alter nicht ohne Mutter sein. Gerade in dieser frühen Zeit lernt ein Hund nicht nur, wie die Welt aussieht. Er lernt vor allem, wie sich Sicherheit anfühlt. Er erschrickt, sucht Nähe, wird von seiner Mutter beruhigt und fährt wieder herunter. Diese sogenannte Co-Regulation ist kein nettes Extra. Sie ist die Grundlage dafür, dass sich ein Nervensystem stabil entwickeln kann.
Wenn diese Erfahrung fehlt, fehlt mehr als ein bisschen Alltagstraining.
Kira lebte danach in einem Shelter in Albanien. Später, als sie läufig wurde, wurde sie von den anderen Hunden getrennt. Seither lebte sie allein, nur mit einem kleinen Welpen an ihrer Seite.
Mit gut einem Jahr kam sie nach Deutschland. In eine Wohnung in einer Großstadt. Zu einer Familie mit zwei kleinen Kindern. In eine völlig neue Welt. Wenn ich diese Vorgeschichte höre, verstehe ich, warum Kira irgendwann erstarrt ist.
Nicht jeder Hund mit einer ähnlichen Geschichte zeigt eine so starke Reaktion. Manche kommen besser zurecht, manche finden andere Wege, mit Belastung umzugehen. Aber bei Kira war schnell klar: Ihr Nervensystem konnte diese neue Welt nicht verarbeiten. Es machte dicht.
Und vielleicht liegt genau darin auch Kiras Stärke: dass sie trotz allem irgendwann wieder begonnen hat, einen Weg zurück ins Leben zu finden.
Es war nicht "nur" Deprivation
Bei Hunden wie Kira fällt schnell der Begriff Deprivation. Und ja: Kira ist ein Hund mit Deprivation. Aber wenn wir ehrlich und fachlich sauber bleiben wollen, reicht dieses eine Wort nicht aus.
Deprivation bedeutet nicht einfach, dass ein Hund in seiner Welpenzeit zu wenig kennengelernt hat. Es geht nicht nur um Treppen, Türen, Straßen, Staubsauger oder Kinder. Das sind die sichtbaren Dinge. Die eigentliche Verletzung liegt tiefer.
In den ersten Lebenswochen lernt das Gehirn, Reize zu verarbeiten. Es lernt, sich aufzuregen und danach wieder zur Ruhe zu kommen. Es lernt: Etwas ist kurz beängstigend, aber ich bin nicht allein. Es geht vorbei.
Diese Grundlage entsteht nicht allein. Ein Welpe lernt sie über die Nähe, Sicherheit und Regulation durch seine Mutter. Genau diese Erfahrung fehlte Kira sehr früh.
Aus meiner Sicht sprechen Kiras Vorgeschichte und ihr späteres Verhalten deshalb auch für ein Entwicklungstrauma. Möglicherweise kamen während der Ausreise weitere traumatische Erfahrungen hinzu: Einfangen, tierärztliche Untersuchungen, Käfig, Transport, Kontrollverlust und danach ein abrupter Wechsel in eine völlig fremde Umgebung.
Was davon welche Rolle gespielt hat, lässt sich im Nachhinein nicht sauber trennen. Und das muss es auch nicht.
Wichtig ist etwas anderes: Kiras Nervensystem war bereits massiv belastet, als sie in Deutschland ankam. Sie war nicht einfach ein schüchterner Hund, der ein bisschen Zeit brauchte. Sie war ein Hund, dessen Gehirn nie ausreichend gelernt hatte, mit der Welt umzugehen.
Deshalb ist „sie muss da einfach durch“ nicht nur wenig hilfreich.
Es ist der falsche Weg.
Das Bild einer ganz normalen Hündin
Miriam und ihre Familie haben sich bewusst für einen Hund aus dem Tierschutz entschieden. Nach dem Tod ihres 14-jährigen Rüden sollte auch der andere Hund der Familie wieder einen Partner bekommen.
Vor der Vermittlung stellte Miriam viele Fragen:
„Mir war wichtig zu wissen, ob Kira mit Kindern zurechtkommt, ob sie andere Hunde kennt, ob sie Ängste hat und ob sie mit dem Leben in einer Großstadt klarkommt. Uns wurde gesagt, dass sie ein unkomplizierter Familienhund sei und gut zu uns passen würde.
Deshalb hatte ich natürlich das Bild einer ganz normalen Hündin im Kopf. Ich dachte, sie braucht etwas Zeit, um anzukommen, und dann würden wir gemeinsam spazieren gehen, sie würde mit den Kindern spielen, kuscheln und einfach ganz selbstverständlich zu unserem Familienleben dazugehören.
So kam es aber nicht.Eigentlich ist nichts von dem eingetroffen, was ich mir vorgestellt hatte. Statt eines unbeschwerten Familienhundes zog eine Hündin bei uns ein, die sich komplett zurückzog und mit unserer Welt völlig überfordert war. Mir wurde sehr schnell klar, dass Kira nicht einfach nur schüchtern war, sondern dass viel mehr hinter ihrem Verhalten steckte, als wir anfangs ahnen konnten.“
Ich möchte an dieser Stelle etwas deutlich sagen: Miriam hat vor der Vermittlung genau die Fragen gestellt, die wichtig waren. Sie hat Kinder. Sie lebt in einer Großstadt. Sie wollte wissen, ob Kira in dieses Leben passen kann.
Sie hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht.
Die Antworten, die Miriam bekam, hielten der Wirklichkeit nur nicht stand.
Das Problem ist, dass bei Direktvermittlungen aus dem Ausland niemand seriös garantieren kann, wie ein Hund die Ausreise und den Umzug in ein neues Leben verkraftet. Niemand kann sicher vorhersehen, ob ein Hund mit Kindern, mit Stadt, mit Nähe, mit Geräuschen oder mit einem normalen Familienalltag zurechtkommt.
Und das Märchen vom dankbaren Tierschutzhund, der nach der Rettung schon spüren wird, dass jetzt alles gut ist, richtet bis heute großen Schaden an.
Kira spürte nicht: Jetzt bin ich gerettet.
Kira spürte: Ich bin in einer Welt, die ich nicht verarbeiten kann.
Die ersten Tage im neuen Zuhause
Miriam erinnert sich sehr genau an diese ersten Tage. Nicht verschwommen. Nicht grob. Sondern in Szenen, die sich eingebrannt haben.
„An die ersten Tage erinnere ich mich noch sehr genau. Anfangs dachte ich noch, dass Kira einfach Zeit braucht, um anzukommen. Sie lief mir am ersten Tag überall wie ferngesteuert hinterher. Hechelte die ganze Zeit und ihre Augen waren groß und leer. Sie schien gar nicht richtig da zu sein.
Schon am zweiten Tag zog sie sich komplett zurück. Sie suchte sich eine Ecke in unserem Familienbett und blieb dort liegen. Sie fraß und trank kaum, bewegte sich fast gar nicht und zeigte keinerlei Interesse an ihrer neuen Umgebung. Sie spielte nicht, erkundete nichts und nahm kaum Kontakt zu uns auf.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, dass sie zweieinhalb Tage weder Pipi noch Kot gemacht hat. Als sie schließlich das erste Mal zu ihrer Pipi-Matte ging, habe ich mich tatsächlich über eine kleine Pfütze gefreut. Das klingt für viele Menschen wahrscheinlich merkwürdig, aber in diesem Moment war ich einfach nur erleichtert.
Mit jedem Tag wurde deutlicher, dass Kira nicht einfach nur vorsichtig war. Sie wirkte leer, als hätte sie sich komplett zurückgezogen. Sie war zwar körperlich bei uns, aber innerlich schien sie überhaupt nicht angekommen zu sein.
Diese erste Phase dauerte nicht nur Tage oder Wochen. Kira brauchte vier bis fünf Monate, bis sie überhaupt den Mut hatte, ihr Bett zu verlassen und das Schlafzimmer zu erkunden.“
Eine kleine Pfütze.
Für viele Menschen wäre das ein Missgeschick. Für Miriam war es ein Moment der Erleichterung. Weil dieser Hund nach zweieinhalb Tagen zum ersten Mal überhaupt loslassen konnte.
An solchen Stellen sieht man, wie sehr sich der Maßstab verschiebt, wenn man mit einem schwer belasteten Hund lebt. Die Dinge, die bei anderen Hunden selbstverständlich sind, werden plötzlich zu Ereignissen. Fressen. Trinken. Pipi machen. Einen Schritt aus dem Bett wagen. Nicht sofort verschwinden, wenn sich jemand bewegt.
Das ist schwer zu erklären, wenn man es nicht erlebt hat.
Und es ist genau der Punkt, an dem viele Menschen von außen völlig falsch urteilen.
Wenn "ankommen" nicht reicht
Fast jeder Mensch mit einem Tierschutzhund hört irgendwann den Satz: Der Hund muss erst einmal ankommen.
Der Satz ist nicht falsch. Aber er hat eine Grenze.
Natürlich brauchen Hunde nach einem Umzug Zeit. Sie brauchen Routinen, Schlaf, Sicherheit und die Möglichkeit, ihre neue Umgebung im eigenen Tempo kennenzulernen. Aber bei Kira ging es nicht um normale Eingewöhnung.
Miriam beschreibt diese Zeit sehr genau. Und auch, wie sich langsam das Gefühl einschlich: Irgendetwas stimmt hier nicht.
„Am Anfang habe ich mir immer wieder gesagt, dass Kira einfach Zeit braucht. Jeder spricht ja davon, dass ein Tierschutzhund erst einmal ankommen muss.
Aber je mehr Tage und Wochen vergingen, desto mehr wurde mir bewusst, dass das keine normale Eingewöhnung war. Es gab keine Veränderungen. Kira zog sich immer weiter zurück, bewegte sich fast gar nicht und wir hatten das Gefühl, dass sie in ihrer Angst regelrecht feststeckt. Sie schien überhaupt nicht anwesend.
Irgendwann habe ich gemerkt, dass wir hier nicht von ein paar Wochen sprechen würden.“
Genau hier wird es fachlich wichtig. Zeit allein heilt kein Nervensystem, das nie gelernt hat, sich zu regulieren. Ein Hund wie Kira braucht nicht einfach mehr Geduld im Sinne von Abwarten. Er braucht Sicherheit, Vorhersagbarkeit, Entlastung und einen Rahmen, in dem sein Gehirn überhaupt wieder lernen kann.
Deshalb ist „abwarten“ manchmal zu wenig.
Und „da muss sie durch“ zu viel.
Der Tiefpunkt
Diese Geschichte wäre unehrlich, wenn sie nur von Geduld, Liebe und kleinen Fortschritten erzählen würde. Denn bevor es Fortschritte gab, gab es viele Momente, in denen Miriam nicht wusste, ob sie das schaffen kann.
Das ist der Teil, über den selten gesprochen wird. Weil man sich dafür schämt. Weil man Angst hat, verurteilt zu werden. Weil man glaubt, solche Gedanken dürfe man nicht haben, wenn man seinen Hund liebt.
Miriam hatte sie trotzdem.
„Diese Momente gab es. Vor allem am Anfang, als wir überhaupt nicht wussten, was mit Kira los war. Ich habe mich oft gefragt, ob ich ihr wirklich helfen kann und ob ich ihr gerecht werden kann.
Den Gedanken, ob das vielleicht ein Fehler war, hatte ich schon. Aber nicht, weil ich Kira nicht mehr wollte oder sie wieder abgeben wollte. Es war vielmehr die Angst, dass wir ihr vielleicht nicht das geben können, was sie braucht.
Trotz aller Zweifel stand für mich aber immer fest, dass Kira zu uns gehört. Ich habe die Verantwortung für sie übernommen und wollte alles versuchen, um ihr zu helfen. Gleichzeitig kann ich heute auch Menschen verstehen, die an einer solchen Situation verzweifeln.
Ein Hund mit so einer Vorgeschichte verlangt einer Familie emotional, zeitlich und körperlich sehr viel ab. Deshalb würde ich niemanden verurteilen, der merkt, dass er dieser Aufgabe nicht gewachsen ist.“
Ich finde diesen Absatz wichtig. Vielleicht sogar einen der wichtigsten der ganzen Geschichte.
Nicht, weil er dramatisch ist. Sondern weil er ehrlich ist.
Solche Zweifel bedeuten nicht, dass man versagt. Sie bedeuten, dass man die Tragweite spürt. Dass man liebt und Verantwortung fühlt. Dass man verstanden hat: Dieser Hund braucht nicht nur ein bisschen Zeit. Er braucht eine Familie, die bereit ist, ihr Leben zu verändern.
Und genau das hat Miriam getan.
Nicht für ein paar Tage.
Nicht für ein paar Wochen.
Sondern über Monate.
Was Miriams Familie für Kira möglich machte
Wenn Menschen von außen auf so eine Situation schauen, sehen sie oft nur den Hund. Einen Hund, der sich nicht bewegt. Nicht spazieren geht. Sich versteckt. Nicht funktioniert.
Was sie nicht sehen, ist das, was eine Familie im Hintergrund trägt.
Miriam beschreibt diesen Teil ohne zu beschönigen. Gerade deshalb trifft es.
„Kira hat unser gesamtes Leben verändert. Praktisch mussten wir unseren Alltag komplett an ihre Bedürfnisse anpassen. Unsere Wohnung wurde Schritt für Schritt zu ihrem sicheren Ort.
Wir haben die Schlafzimmertür ausgehängt, weil sie sich nicht durch den Türrahmen traute. Wir haben unser Bett umgebaut, damit der Weg auf den Boden für sie leichter wurde. Nach und nach haben wir fast die gesamte Wohnung mit Matten ausgelegt, weil sie sich auf dem normalen Boden nicht sicher fühlte.
Selbst Kleinigkeiten, die für andere selbstverständlich sind, mussten wir immer mitdenken. Neue Gegenstände konnten sie verunsichern, und selbst an heißen Sommertagen haben wir keinen Ventilator aufgestellt, weil wir wussten, dass er ihr Angst machen würde.
Auch unsere Kinder mussten lernen, Rücksicht zu nehmen. Sie konnten nicht einfach auf Kira zugehen oder mit ihr spielen, wie sie es sich anfangs vorgestellt hatten. Sie mussten verstehen, dass Kira Zeit braucht und dass jedes laute Geräusch oder jede hektische Bewegung sie überfordern konnte.
Besuche waren gestrichen, Urlaub sowieso nicht möglich. Ich konnte das Zimmer über vier Monate nicht staubsaugen, Bett beziehen war sehr schwierig. Lüften ging auch immer nur ganz kurz.
Ich hab die Nächte durchgemacht, weil Kira die ersten Monate nur nachts vom Bett kam, nur nachts überhaupt etwas anwesend war.
Emotional war es wahrscheinlich die größte Herausforderung. Man lebt ständig mit der Frage, ob man auf dem richtigen Weg ist. Man investiert unheimlich viel Zeit, Kraft und Gefühle, ohne zu wissen, ob sich überhaupt jemals etwas verändern wird.
Es gab Phasen, in denen ich an mir gezweifelt habe und mich gefragt habe, ob ich Kira wirklich helfen kann. Gleichzeitig wollte ich ihr gerecht werden, aber auch meinen Kindern, meinem Mann und dem restlichen Familienleben. Dieses ständige Gefühl, niemandem zu wenig geben zu wollen, war oft sehr belastend.
Dazu kam die Verantwortung. Ich hatte mich bewusst für Kira entschieden, auch wenn ich nicht wusste, was auf uns zukommen würde. Ich hatte das Gefühl, 24 Stunden nur für Kira da sein zu müssen, weil ich sie nicht alleine lassen wollte.“
Ich möchte diesen Abschnitt nicht erklären. Er erklärt sich selbst.
Eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Ein Hund, der monatelang fast ausschließlich in einem Bett liegt. Nächte, in denen Miriam wach bleibt, weil Kira nur dann überhaupt etwas anwesend ist. Ein Alltag, in dem selbst Lüften, Staubsaugen, Bett beziehen oder ein Ventilator zur Belastung werden können.
Das ist nicht „ein bisschen Rücksicht nehmen“.
Das ist eine grundlegende Veränderung des eigenen Lebens.
Und trotzdem war es für Kira nicht Verwöhnung. Es war keine Übertreibung. Es war der Versuch, einem Hund Sicherheit zu geben, der Sicherheit nie ausreichend gelernt hatte.
Das Unverständnis von außen
Fast jeder Mensch mit einem schwer belasteten Hund kennt irgendwann diesen zweiten Schmerz: Nicht nur der Alltag ist schwer. Auch die Reaktionen von außen tun weh.
Miriam hat das sehr deutlich erlebt.
„Die meisten Menschen konnten überhaupt nicht nachvollziehen, was mit Kira los ist. Von außen sahen viele einfach nur einen Hund, der sich nicht bewegt, nicht spazieren geht und vor allem Angst hat.
Es kamen oft Sätze wie: “Sie muss da einfach durch.“, “Sie stellt sich an.“, “Ihr richtet euer ganzes Leben nach ihr aus.”, “Das ist doch nur ein Hund.“ oder “Gebt sie doch wieder ab.”
Ich weiß, dass vieles davon wahrscheinlich nicht böse gemeint war, aber Unterstützung oder Verständnis gab es keine. Es hat mich sehr runtergezogen und ich hab immer wieder gezweifelt, ob wir das Richtige machen.
Man fühlt sich alleine, verzweifelt, verurteilt.“
Diese Sätze sind nicht harmlos.
Sie treffen Menschen in einer Situation, in der sie ohnehin jeden Tag zweifeln. Und sie verkennen, worum es bei solchen Hunden geht. Ein Hund wie Kira stellt sich nicht an. Er entscheidet sich nicht bewusst gegen Spaziergänge, gegen Nähe, gegen Alltag. Er befindet sich in einem Zustand, in dem sein Nervensystem Schutz sucht.
Druck macht so einen Hund nicht mutiger. Er bringt ihn nur noch tiefer in Rückzug und Erstarrung.
Sicherheit dagegen ist keine Belohnung für Angst. Sicherheit ist die Voraussetzung dafür, dass Angst überhaupt kleiner werden kann.
Man kann Verhalten verstärken. Aber man kann ein Gefühl nicht dadurch schlimmer machen, dass man einem Hund in diesem Gefühl beisteht. Wer einem ängstlichen Hund Sicherheit gibt, bestätigt nicht seine Angst. Er hilft seinem Nervensystem, wieder einen Weg aus der Überforderung zu finden.
Rückschritte, die sich wie Scheitern anfühlen
Entwicklung bei schwer belasteten Hunden verläuft selten geradeaus. Sie verläuft in Wellen. Ein winziger Schritt nach vorn. Dann Stillstand. Manchmal Rückzug. Manchmal Tage oder Wochen, in denen scheinbar alles wieder verschwindet.
Für die Menschen fühlt sich das brutal an.
Miriam beschreibt genau dieses Gefühl.
„Eigentlich bestand unser Weg immer wieder aus kleinen Fortschritten und anschließend aus Rückschritten. Gerade wenn ich dachte, jetzt geht es endlich voran, zog sich Kira wieder komplett zurück.
Es gab immer wieder Phasen, in denen sie ein oder sogar zwei Wochen lang kaum noch etwas gemacht hat. Sie bewegte sich wieder weniger, traute sich weniger und wirkte, als wäre alles, was sie vorher geschafft hatte, plötzlich wieder verschwunden.
In diesen Momenten dachte ich oft: Jetzt sind wir wieder bei Punkt Null. Das war jedes Mal sehr frustrierend und hat mich immer wieder zweifeln lassen.“
Rückblickend waren diese Pausen nicht das Gegenteil von Entwicklung. Sie waren Teil davon.
Kiras Gehirn musste verarbeiten, was neu war. Neue Erfahrungen sind für so einen Hund nicht einfach „ein bisschen aufregend“. Sie können das gesamte System erschöpfen. Wenn Kira sich nach einem Fortschritt wieder zurückzog, war das nicht automatisch ein Rückfall. Oft war es eine Form von Stabilisierung.
Sie nahm sich die Pause.
Und sie bekam sie.
Das war einer der wichtigsten Punkte in ihrer Entwicklung: dass sie nicht gedrängt wurde, nur weil ein Schritt einmal funktioniert hatte. Dass niemand sagte: Gestern ging es doch, also muss es heute auch gehen. Dass ihr Nervensystem nicht ständig über seine Grenze geschoben wurde.
Bei Hunden wie Kira ist genau das oft der Unterschied zwischen Entwicklung und weiterem Zusammenbruch.
Verstehen verändert alles
Irgendwann kam der Punkt, an dem Miriam nicht mehr nur wissen wollte, was sie tun soll. Sie wollte verstehen, was mit Kira passiert.
Und genau dieses Verstehen veränderte den Blick.
„Der eigentliche Wendepunkt war für mich, als ich Daniela kennengelernt habe. Bis dahin wusste ich zwar, dass mit Kira etwas nicht stimmt, aber ich wusste nicht, warum. Erst durch Daniela habe ich verstanden, was Deprivation und Trauma wirklich bedeutet und was dabei im Hund passiert.
Sie hat mir erklärt, wie Kiras Gehirn arbeitet, warum sie nicht einfach nur Angst hat und warum viele Dinge, die bei anderen Hunden funktionieren, für Kira nicht der richtige Weg sind.
Ab diesem Zeitpunkt habe ich aufgehört, ständig nach schnellen Fortschritten zu suchen. Ich habe gelernt, Kira in ihrem Tempo zu begleiten und ihr die Sicherheit zu geben, die sie braucht. Das hat nicht dazu geführt, dass plötzlich alles besser wurde. Aber ich habe angefangen, Kira zu verstehen, und das hat unseren gemeinsamen Weg verändert.“
Ich möchte hier bewusst kein Bild von einer plötzlichen Rettung zeichnen. Es gab keinen Trick. Kein Training, das Kira „gelöst“ hat. Kein Schema, das man nur konsequent anwenden musste.
Der erste Schritt war nicht Training.
Der erste Schritt war Verstehen.
Wenn man erkennt, dass ein Hund nicht verweigert, sondern nicht kann, verändert sich alles. Dann hört man auf, Fortschritte erzwingen zu wollen. Man beginnt, Bedingungen zu schaffen, unter denen das Gehirn überhaupt wieder lernen kann.
Oder wie die Verhaltenstierärztin Dr. Amber Batson es treffend formuliert: „Change the brain before you train.“
Zuerst muss sich im Hund etwas sicherer, ruhiger und stabiler anfühlen. Erst dann kann Training greifen.
Stabilisierung als Voraussetzung für Entwicklung
Bei Kira ging es zuerst nicht darum, ihr etwas beizubringen.
Es ging darum, überhaupt erst Bedingungen zu schaffen, unter denen ihr Nervensystem aus der Erstarrung herausfinden konnte.
Stabilisierung klingt unspektakulär. In Wirklichkeit ist sie bei stark belasteten Hunden oft der entscheidende Teil der Arbeit. Nicht im Sinne von: Wir warten einfach ab. Sondern im Sinne eines sehr genauen, individuellen Rahmens. Weniger Überforderung. Mehr Vorhersagbarkeit. Mehr Sicherheit. Und irgendwann erste winzige Momente, in denen der Hund wieder selbst handeln kann.
Genau das war bei Kira der Punkt.
Normales Training hätte sie am Anfang nicht erreicht. Klassische Beschäftigung auch nicht. Für einen Hund in Erstarrung kann schon die Einladung zum Mitmachen zu viel sein. Nicht, weil der Hund nicht will. Sondern weil sein System noch nicht kann.
Deshalb musste jeder Schritt so gewählt sein, dass er Kira nicht aus ihrem sicheren Rahmen herausriss, sondern ihr innerhalb dieses Rahmens eine neue Erfahrung ermöglichte.
Nicht: Du musst da jetzt raus.
Sondern: Du darfst merken, dass etwas möglich ist.
Wir haben also nicht mit klassischen Trainingszielen gearbeitet. Wir haben Kiras Welt zuerst so klein, sicher und vorhersehbar gemacht, dass ihr Nervensystem überhaupt wieder Spielraum bekam. Und in diesem Spielraum konnten wir beginnen, ihr ganz vorsichtig erste aktive Erfahrungen zu ermöglichen.
Für Kira waren diese Momente entscheidend.
Nicht, weil eine bestimmte Übung die Lösung gewesen wäre. Sondern weil die Erfahrung dahinter neu war:
Ich kann etwas tun.
Ich kann etwas bewirken.
Ich bin dieser Welt nicht völlig ausgeliefert.
Ein Hund, der monatelang erstarrt war, braucht nicht zuerst große Herausforderungen. Er braucht Erfahrungen, die ihn nicht überfluten, sondern stärken. Erfahrungen, die so klein sind, dass sie von außen fast unscheinbar wirken – und für den Hund trotzdem riesig sind.
Genau aus solchen Momenten können Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit langsam wieder wachsen.
Kira konnte aktiv werden, ohne gedrängt zu werden. Sie konnte Erfolg haben, ohne leisten zu müssen. Sie konnte in winzigen Schritten erfahren, dass von der Welt nicht nur Gefahr ausgeht.
Miriam beschreibt diesen Teil ihres Weges so:
„Das fachliche Wissen war für unseren Weg entscheidend. Daniela hat mir als Erstes erklärt, was Deprivation überhaupt bedeutet und was dabei im Hund passiert. Dadurch habe ich Kiras Verhalten zum ersten Mal wirklich verstanden und konnte viele Situationen ganz anders einordnen.
Sie hat uns aber nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch konkrete Ansätze und Werkzeuge an die Hand gegeben, die genau auf Kira abgestimmt waren. Das war für Kira eine der ersten Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden und Erfolg zu erleben. Sie konnte etwas tun, das ihr Sicherheit gegeben hat und bei dem sie gemerkt hat: ‚Ich kann das.‘ Diese kleinen Erfolgserlebnisse waren ein wichtiger Baustein, um ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstwirksamkeit langsam aufzubauen.
Außerdem hat Daniela nie nach einem festen Schema gearbeitet. Jede Empfehlung war auf Kira und ihre Möglichkeiten abgestimmt. Es ging nie darum, sie zu etwas zu drängen, sondern ihr einen Rahmen zu geben, in dem sie sich sicher fühlen und eigene Entscheidungen treffen konnte.
Genau dieses individuelle Arbeiten und das Verständnis dafür, wie ein Hund mit Deprivationsgeschichte lernt und sich entwickelt, haben unseren gemeinsamen Weg maßgeblich geprägt.“
Das war kein schneller Weg.
Aber es war ein Anfang.
Bei Kira ging es nie darum, sie schneller in die Welt zu bringen. Es ging darum, ihre Welt so zu gestalten, dass sie darin überhaupt anfangen konnte, sich zu bewegen.
Nicht gegen ihre Angst.
Sondern unterhalb ihrer Überforderung.
Die kleinen Siege
Wenn man Kiras Geschichte von außen betrachtet, könnte man fragen: Was waren denn die großen Erfolge?
Aber bei einem Hund wie Kira sind die großen Erfolge fast nie groß im klassischen Sinn.
Sie sind winzig.
Und genau deshalb so berührend.
„Ich habe mich über Dinge gefreut, die für andere völlig selbstverständlich oder sogar unbedeutend sind. Dass Kira nach zweieinhalb Tagen das erste Mal Pipi gemacht hat. Dass sie einen einzigen Schritt aus ihrem Bett gemacht hat. Dass sie angefangen hat zu schnüffeln, sich an mich angelehnt oder mit dem Schwanz ganz leicht gewedelt hat bei meiner Rückkehr, sich angefangen hat zu putzen, nicht bei der kleinsten falschen Bewegung panisch in ihre Ecke geflüchtet ist.
Irgendwann habe ich mich sogar darüber gefreut, dass sie bei Gewitter oder starkem Wind gezittert hat. Natürlich ist Angst keine schöne Emotion. Aber vorher war Kira einfach nur eingefroren und hat gar nichts gezeigt. Dass sie angefangen hat zu zittern, war für mich ein Zeichen, dass sie ihre Gefühle überhaupt wieder zeigen kann und nicht mehr alles in sich hineinfressen muss.
Ich hab mich gefreut, dass sie sich getraut hat, aus dem Napf zu fressen, dass sie sich getraut hat, nicht mehr nur im Bett zu fressen oder darüber, dass sie sich nachts einfach vor das Bett gesetzt hat und sich getraut hat, ihre Welt zu erkunden.
Für andere mögen das winzige Kleinigkeiten sein. Für mich waren genau diese Momente die größten Fortschritte. Sie haben mir gezeigt, dass Kira Schritt für Schritt ins Leben zurückfindet.“
Ein zitternder Hund als Fortschritt.
Das klingt erst einmal widersprüchlich. Aber bei Kira war es eine positive Entwicklung. Vorher war da keine sichtbare Angst. Keine sichtbare Freude. Keine Neugier. Keine Bewegung. Nur Starre und Teilnahmslosigkeit.
Wenn ein Hund wieder zittern kann, zeigt er Gefühl. Wenn er schnüffelt, nimmt er Kontakt zur Welt auf. Wenn er sich putzt, ist er für einen Moment genug bei sich, um normales Verhalten zu zeigen. Wenn er sich anlehnt, sucht er Nähe. Wenn die Rute einmal leicht wedelt, ist das nicht klein.
Nicht bei Kira.
Bei Kira war es ein Stück Leben.
Was Miriam lernen musste
Oft wird bei solchen Geschichten nur über den Hund gesprochen. Was hat der Hund gelernt? Was kann er heute? Welche Fortschritte hat er gemacht?
Aber Kiras Entwicklung wäre ohne Miriams Entwicklung nicht möglich gewesen.
Sie musste nicht nur Kira begleiten. Sie musste ihren eigenen Blick verändern. Ihre Erwartungen loslassen. Aushalten, dass Fortschritt nicht planbar ist. Lernen, dass Hilfe manchmal bedeutet, etwas nicht zu tun.
Miriam sagt es selbst:
„Kira hat meinen Blick auf Hunde und eigentlich auf das ganze Leben verändert. Vor ihr wusste ich nicht einmal, was Deprivation wirklich bedeutet. Ich hätte nie gedacht, welche Auswirkungen das auf einen Hund und auf die ganze Familie haben kann.
Sie hat mir beigebracht, geduldig zu sein und Dinge nicht erzwingen zu wollen. Ich habe gelernt, dass Vertrauen nicht durch Druck entsteht, sondern nur durch Sicherheit. Man kann es nicht abarbeiten oder beschleunigen.
Außerdem hat sie mich gelehrt, die kleinen Dinge wertzuschätzen. Früher hätte ich mich nie über einen Schritt, ein Schwanzwedeln oder ein Anlehnen so gefreut. Heute weiß ich, dass genau diese kleinen Momente oft die größten Erfolge sind.“
Das ist vielleicht eine der schwersten Aufgaben für Menschen mit Angsthunden: nicht ständig das nächste Ziel zu sehen.
Nicht: Wann kann sie endlich spazieren gehen?
Nicht: Wann wird sie normal?
Nicht: Wann ist das vorbei?
Sondern: Was ist heute möglich, ohne dass sie sich verliert?
Diese Verschiebung verändert alles. Sie nimmt nicht den Wunsch nach Entwicklung weg. Aber sie verhindert, dass man den Hund ständig an einem Leben misst, das er im Moment nicht leisten kann.
Kira heute
Wenn man Kira heute sieht, ist es schwer zu glauben, wo sie angefangen hat.
Nicht, weil alles gut ist. Das ist es nicht. Aber weil zwischen dem Hund, der monatelang im Bett lag, und dem Hund, der heute durch die Wohnung läuft, Welten liegen.
Miriam erzählt:
„Wenn ich Kira heute mit der Hündin vergleiche, die vor anderthalb Jahren bei uns eingezogen ist, hat sie sich unglaublich entwickelt.
Sie bewegt sich inzwischen frei durch die Wohnung auf ihren Matten, zumindest wenn es ruhig ist und die Kinder nicht da sind. Sie frisst und trinkt ganz selbstverständlich aus ihrem Napf, nutzt ihren Schnüffelteppich mit Freude und spielt sogar manchmal mit sich selbst.
Sie kuschelt mit unseren Katzen, schläft nachts manchmal zwischen unseren Kindern und sucht immer häufiger unsere Nähe. Sie lehnt sich an, stupst mich mit ihrer Nase an oder fordert sogar Streicheleinheiten ein. Sie kommt zu uns auf die Couch, wenn wir alle zusammen TV schauen. Sie traut sich am Tag Pipi zu machen und manchmal auch neue Sachen, die auf dem Boden stehen, zu erkunden. Sie bleibt länger bei unbekannten Geräuschen und Situationen, anstatt direkt zu flüchten.
Auch ihre Körpersprache hat sich sehr verändert. Früher war sie wie eingefroren und hat ihre Gefühle kaum gezeigt. Heute kann ich an ihrer Mimik, ihren Augen und ihrer Körperhaltung viel mehr erkennen. Sie zeigt Freude, Neugier, aber auch Angst. Selbst wenn sie bei Gewitter oder starkem Wind zittert, sehe ich das heute als Entwicklung, weil sie ihre Gefühle überhaupt zeigen kann.
Natürlich gibt es noch viele Dinge, die sie nicht kann. Aber wenn ich sehe, wo sie angefangen hat und wo sie heute steht, dann bin ich unglaublich stolz auf sie. Jeder einzelne kleine Schritt zeigt mir, wie weit sie schon gekommen ist.“
Das Video von Kira heute ist deshalb so besonders. Nicht, weil sie darin ein „normaler“ Hund geworden ist. Sondern weil man einen Hund sieht, der wieder etwas von sich zeigt.
Bewegung.
Neugier.
Freude.
Leben.
Und trotzdem ist es kein Bilderbuch-Ende
Ich erzähle Kiras Geschichte nicht, um zu versprechen, dass am Ende immer alles gut wird.
Das wäre falsch.
Kira hat sich unglaublich entwickelt. Und gleichzeitig bleibt sie ein Hund mit einer schweren Vorgeschichte. Ein Hund, dessen Leben bis heute anders aussieht als das vieler anderer Hunde.
Auch das gehört zur Wahrheit.
„Es gibt noch einiges, was Kira heute nicht kann. Sie bewegt sich fast ausschließlich über ihre Matten und traut sich noch nicht, selbstverständlich über den normalen Boden zu laufen. Spaziergänge oder Ausflüge nach draußen sind noch nicht möglich. Auch Besuch oder fremde Menschen überfordern sie nach wie vor. Wenn unsere Kinder zu Hause sind, bewegt sie sich deutlich weniger durch die Wohnung und zieht sich eher zurück.
Früher hätte mich das wahrscheinlich sehr belastet. Heute ist das anders.
Natürlich wünsche ich mir, dass Kira eines Tages noch mehr von der Welt entdecken kann. Aber ich weiß auch, dass sie dafür noch nicht bereit ist. Und vielleicht wird sie manches auch nie brauchen.Schlimm ist das für mich schon lange nicht mehr. Ich sehe die vielen kleinen Fortschritte, die sie jeden Tag macht. Sie haben mir gezeigt, dass Entwicklung nicht in großen Schritten passiert. Dadurch habe ich Geduld gelernt und wir haben als Familie gelernt, mit ihrer besonderen Art zu leben.
Heute messe ich Kira nicht mehr an dem, was sie noch nicht kann, sondern an dem, was sie schon geschafft hat. Und darauf bin ich unglaublich stolz.“
Das ist keine Kapitulation.
Das ist Akzeptanz.
Akzeptanz bedeutet nicht, dass man Entwicklung aufgibt. Es bedeutet, dass man den Hund nicht ständig an einem Ideal misst, das vielleicht nie zu seinem Nervensystem passen wird. Für Kira ist ein Leben ohne Spaziergänge im Moment kein Scheitern. Es ist ein Leben, in dem sie innerhalb ihres sicheren Rahmens immer mehr von sich zeigen kann.
Vielleicht wird sich dieser Rahmen weiter vergrößern.
Vielleicht auch nicht in dem Maß, wie man es sich bei einem „normalen“ Hund vorstellen würde.
Beides darf wahr sein.
Warum Miriam für Kira Sicherheit bedeutet
Eine Beobachtung von Miriam zeigt besonders deutlich, was Bindung für Kira bedeutet.
„Rückblickend wird mir erst bewusst, wie unglaublich langsam Kira ihre Welt erweitert hat. Sie hat etwa vier bis fünf Monate gebraucht, bis sie überhaupt den Mut hatte, ihr Bett zu verlassen und das Schlafzimmer zu erkunden.
Bis sie angefangen hat, sich auch aus dem Schlafzimmer und Nebenzimmer heraus in den Rest der Wohnung zu wagen, sind insgesamt fast zehn Monate vergangen. Erst dann begann sie langsam, ihre Welt Stück für Stück zu vergrößern.Aber auch heute erkundet sie die Wohnung nicht frei. Sie bewegt sich fast ausschließlich auf ihren bekannten Wegen und verlässt diese nur sehr selten. Neue Bereiche oder andere Wege auszuprobieren, fällt ihr nach wie vor schwer.
Außerdem bewegt sie sich bis heute nur dann durch die Wohnung, wenn ich zu Hause bin. Bin ich nicht da, bleibt sie meistens in ihrem Bett liegen oder schläft – selbst wenn ich mehrere Stunden oder den ganzen Tag unterwegs bin. Erst wenn ich wieder zu Hause bin, beginnt sie sich in der Wohnung zu bewegen.
Für mich zeigt das, wie wichtig Sicherheit, Verlässlichkeit und feste Routinen für Hunde mit Deprivationsgeschichte sind. Erst wenn Kira sich wirklich sicher fühlt, kann sie ihre Umgebung erkunden und Neues zulassen.“
In der Bindungsforschung spricht man von sicherem Hafen und sicherer Basis. Der sichere Hafen ist der Ort, an den ein Hund zurückkehren kann, wenn es zu viel wird. Die sichere Basis ist die Grundlage, von der aus er sich überhaupt in die Welt hineinwagen kann.
Für Kira ist Miriam beides.
Dass Kira sich nur dann durch die Wohnung bewegt, wenn Miriam da ist, ist deshalb nicht einfach ein Problem. Es zeigt, wie stark ihre Entwicklung an erlebte Sicherheit gebunden ist. Kira erkundet nicht, weil sie plötzlich mutig genug ist, alles allein zu schaffen. Sie erkundet, weil ihr sicherer Mensch da ist.
Das ist kein Rückschritt.
Das ist Bindung, die trägt.
Wie ein kleines Kind, das schwimmen lernt
Miriam findet für ihren Weg mit Kira ein Bild, das ich nicht besser formulieren könnte.
„Manchmal vergleiche ich Kira mit einem kleinen Kind. Vielleicht auch deshalb, weil ich selbst Mama von zwei kleinen Kindern bin und jeden Tag miterlebe, wie Entwicklung funktioniert.
Kein Kind kann von heute auf morgen laufen, Fahrrad fahren oder schwimmen. Niemand würde ein Kind einfach ins Wasser werfen und erwarten, dass es sofort schwimmen kann. Man nimmt es an die Hand, gibt ihm Sicherheit, macht ihm Mut und begleitet es in seinem eigenen Tempo. Man freut sich über jeden noch so kleinen Fortschritt, weil man weiß, wie viel Überwindung und Mut dahinterstecken.
Genau so empfinde ich unseren Weg mit Kira. Sie muss so vieles lernen, was für andere Hunde selbstverständlich ist. Nicht, weil sie nicht möchte, sondern weil sie es nie lernen durfte. Deshalb braucht sie keine Erwartungen und keinen Druck. Sie braucht Sicherheit, Vertrauen, Geduld und die Gewissheit, dass sie den nächsten Schritt erst dann gehen muss, wenn sie selbst dazu bereit ist.
Entwicklung lässt sich nicht erzwingen. Sie braucht einen sicheren Rahmen, Verständnis und jemanden, der auch dann an einen glaubt, wenn man selbst den Mut noch nicht gefunden hat.
Jeder kleine Schritt, den sie heute geht, fühlt sich für uns an wie ein riesiger Erfolg, weil wir wissen, wie viel Überwindung er sie kostet.“
Das ist der Kern dieser Geschichte.
Nicht: Kira wurde trainiert, bis sie funktionierte.
Sondern: Kira bekam einen Rahmen, in dem Entwicklung wieder möglich wurde.
Ein Hund wie Kira braucht nicht weniger Hilfe, damit er selbstständiger wird. Er braucht genau so viel Hilfe, dass sein Nervensystem überhaupt lernen kann, Selbstständigkeit auszuhalten.
Würde Miriam es wieder tun?
Ich habe Miriam gefragt, ob sie sich mit dem Wissen von heute wieder für Kira entscheiden würde. Ihre Antwort ist klar.
„Ja, ich würde mich jederzeit wieder für Kira entscheiden.
Und Menschen, die gerade am Anfang stehen und verzweifelt sind, möchte ich vor allem sagen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein sind. Ich glaube, jeder, der einen Hund mit einer so schweren Vorgeschichte aufnimmt, kommt irgendwann an einen Punkt, an dem er traurig ist, wütend ist oder einfach nicht mehr weiter weiß. Diese Gefühle sind völlig normal und sie bedeuten nicht, dass man versagt hat oder seinen Hund nicht liebt.
Gerade am Anfang fühlt sich der Weg oft unendlich lang an. Man fragt sich, ob sich jemals etwas ändern wird und ob all die Mühe überhaupt einen Sinn hat. Genau deshalb würde ich niemandem raten, diese Gefühle zu verdrängen. Sie gehören zu diesem Weg dazu.
Rückblickend hätte ich mir gewünscht, viel früher zu wissen, was Deprivation überhaupt bedeutet. Dieses Wissen hätte mir geholfen, Kiras Verhalten besser einzuordnen und viele Situationen nicht als Rückschritt oder Scheitern zu sehen.
Außerdem hätte ich mir gewünscht, von Anfang an zu wissen, wie wichtig der richtige Trainer ist. Nicht jeder Trainingsansatz passt zu jedem Hund. Ein Hund mit Deprivation braucht Verständnis, Geduld und einen individuellen Weg.
Heute weiß ich, dass man sich über die kleinsten Fortschritte freuen darf. Gerade diese kleinen Schritte bedeuten für solche Hunde unheimlich viel. Sie sind die Grundlage für alles, was später möglich wird.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis überhaupt: die Hoffnung nicht zu verlieren. Mit Zeit, Geduld, Verständnis und der richtigen Unterstützung kann man oft viel mehr erreichen, als man sich am Anfang vorstellen kann.
Aus vielen kleinen Schritten entsteht irgendwann ein ganz großer Weg.”
Hunde wie Kira brauchen keine Standardlösung und keinen Trainingsansatz, der einfach auf jeden Hund übertragen wird. Deprivation und Trauma gehören in fachlich kompetente Hände.
Nicht, weil betroffene Hunde „schwieriger“ sind.
Sondern weil man verstehen muss, was im Nervensystem passiert, bevor man entscheidet, welcher nächste Schritt überhaupt hilfreich ist. Für manche Hunde ist ein normaler Trainingsreiz schon zu viel. Für manche ist eine gut gemeinte Übung bereits Überforderung. Und für manche beginnt Entwicklung nicht mit Training, sondern mit Entlastung, Sicherheit und einem Menschen, der den Hund nicht schneller machen will, als sein System es tragen kann.
Genau deshalb ist Kiras Geschichte kein Versprechen, dass jeder Hund irgendwann alles können wird.
Sie beweist nicht, dass Deprivation heilbar ist. Sie beweist nicht, dass Trauma verschwindet. Sie beweist nicht, dass man nur lange genug durchhalten muss und am Ende wird alles so, wie man es sich ursprünglich vorgestellt hat.
Kiras Geschichte beweist etwas anderes:
Dass Entwicklung möglich ist, auch wenn sie am Anfang unmöglich erscheint.
Dass Verstehen mehr bewirken kann als Druck.
Dass Sicherheit kein Verwöhnen ist.
Dass ein Hund, der erstarrt, nicht aufgegeben hat.
Und dass eine Familie, die bereit ist, hinzusehen, auszuhalten und sich begleiten zu lassen, für so einen Hund zur Brücke zurück ins Leben werden kann.
Miriam und ihre Familie haben Kira nicht gerettet, indem sie sie in ein normales Hundeleben gedrängt haben.
Sie haben ihr geholfen, ihr eigenes Leben überhaupt erst betreten zu können.
Und trotzdem liegt noch ein langer Weg vor ihnen.
Kira ist nicht „fertig“. Miriam auch nicht. Diese Geschichte endet nicht mit einem Happy End, bei dem plötzlich alles leicht ist. Sie endet an einem Punkt, an dem sehr viel möglich geworden ist – und an dem trotzdem noch vieles offen bleibt.
Vielleicht ist genau das einer der stillsten, aber größten Teile dieser Geschichte:
Miriam wächst über sich hinaus. Jeden Tag ein Stück.
Und Kira tut es ihr nach.
Wenn du gerade am Anfang stehst
Vielleicht liest du diesen Text, weil dein Hund sich versteckt. Weil er nicht frisst, nicht rausgeht, auf Geräusche erstarrt oder sich nur nachts bewegt. Vielleicht hörst du von außen, dass du dich zu sehr nach ihm richtest. Dass er da durch muss. Dass du ihn verwöhnst. Dass du dich nicht so anstellen sollst.
Dann möchte ich dir sagen: Es kann sein, dass dein Gefühl stimmt. Dass dein Hund nicht einfach nur Zeit braucht. Dass da mehr dahintersteckt. Deprivation, traumatische Erfahrungen, ein überlastetes Nervensystem oder eine Kombination aus allem.
Du musst das nicht allein einordnen.
Und du musst nicht warten, bis gar nichts mehr geht.
Wenn du dich und deinen Hund in Kiras Geschichte wiedererkennst, können wir gemeinsam schauen, wo ihr steht, was dein Hund braucht und ob ich euch auf diesem Weg begleiten kann. → Beratung ansehen

Daniela Loibl - Hundeverhaltensberaterin
Ich begleite Angst-, Trauma- und Deprivationshunde, die mit den Anforderungen des neuen Lebens überfordert sind. Und Menschen, die verstehen wollen, warum. Mein Hund Happy, ein ehemaliger Kettenhund mit komplexer PTBS, hat mir gezeigt, was fundiertes Wissen, Geduld und ein tieferes Verständnis für Verhalten bewirken können, wenn Training allein nicht reicht. Mein Ansatz basiert auf verhaltensbiologischen und neurobiologischen Erkenntnissen - modern, bindungsorientiert und 100 % gewaltfrei. Und mit einem traumasensiblen Blick auf jeden Hund.
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