Leinenaggression beim Tierschutzhund
Wenn Überforderung zum Pöbeln wird
„Der ist aggressiv! Der gehört mal ordentlich erzogen!“ …. mit solchen oder ähnlichen Aussagen wird man konfrontiert, wenn man mit einem „Leinenrambo“ unterwegs ist. Nicht nur andere Hundehalter und Passanten sagen das, auch in gewissen Trainerkreisen wird einem vermittelt, dass das wütende Verbellen eines Artgenossen einem Ungehorsam gleichkommt, der sofort unterbunden werden muss, obwohl es sich oft nur um einen reaktiven Ausdruck von Aggression handelt, dessen Ursachen im Stress liegen.
Was teils mit Hunden angestellt und als Training verkauft wird, die als leinenaggressiv gelten, macht mich traurig und wütend zugleich. Aber ebenso macht es mich traurig, dass dir als Hundehalter auch noch ein schlechtes Gewissen eingeredet wird: „Du hast als Rudelführer versagt!“, Du bist zu weich!“, „Das darfst du dem nicht durchgehen lassen!“ – Dabei willst du nur das Beste für deinen Hund und suchst nach einer Lösung für euer Problem.
Eines vorweg: Es ist nur dein Problem. Für deinen Hund ist es bereits eine Lösung. Aber dazu später mehr.
Zuerst einmal erzähle ich Dir eine Geschichte, meine Geschichte. Und die meines leinenaggressiven Hundes: Happy, mit 8 Jahren bei mir eingezogen, 30 kg schwer, pechschwarz und vom Körperbau eher stämmig. Da kann man es als Gegenüber durchaus mit der Angst zu tun bekommen, wenn der Kerl an der Leine so richtig aufdreht.
Aber wenn ich Dir jetzt sage, dass dieser 30 kg Hund in der Leine hängt und brüllt, bis er heiser ist, weil er Angst vor seinem Gegenüber hat – und zwar egal, ob das ein Chihuahua oder eine Dogge ist – würdest du mir das glauben?
Wahrscheinlich nicht, aber für alle, die es interessiert, kommt hier die (wissenschaftliche) Erklärung für sein Verhalten – und damit auch die Erklärung für das Verhalten vieler anderer Hunde aus dem Tierschutz, die keine optimalen Bedingungen in ihrer Sozialisierungsphase vorgefunden haben.
Happy hat Zeit seines Lebens an der Kette verbracht. 5 Jahre wahrscheinlich. Irgendwo angebunden. Im Hinterhof oder sonstwo, wo er nicht viel kennengelernt hat. Sein Bewegungsradius war stark eingeschränkt. Seine Aufgabe war es wohl, Haus und Hof zu verteidigen. Gegen alles und jeden. Am meisten musste er aber sich selbst verteidigen und alles, was ihm heilig war. Vor anderen Hunden, die des Weges kamen und nicht nur “Hallo” sagen wollten, sondern auf der Suche nach Fressbarem oder Ärger waren.
Arm, wirst du dir jetzt denken! Ja, arm ist er wirklich gewesen, der Happy. An der Leine hängen und sich den Angreifer vom Leib halten, um sein eigenes Leben zu verteidigen, war jahrelang seine einzige Strategie mit der Bedrohung “Fremder Hund” umzugehen. Was hätte er auch sonst tun können an der Kette? Weggehen? Wie? Bogen laufen? Wie? Deeskalierendes Verhalten zeigen? Beschränkt möglich, an der Kette. Sicherheit bei seiner Vertrauensperson suchen? Äh, welche Vertrauensperson? Also blieb ihm nur eines: Angriff ist die beste Verteidigung.
Mehr über Happy, seine PTBS und seine Herausforderungen kannst du hier nachlesen: Hallo, ich bin Happy!
Du musst deinem Hund zeigen, wo der Hammer hängt
Dieses Verhalten – das in unserer Gesellschaft unerwünscht ist – hat er nun mitgenommen in sein neues Leben, in sein Leben bei mir. Hier muss er sich schon längst nicht mehr verteidigen, auch sein Futter nicht. Aber – und das ist jetzt ganz entscheidend: Er hatte sein ganzes Leben lang nur eine einzige Strategie, mit der Bedrohung “fremder Hund” umzugehen. Und diese erlernte Strategie kann er nicht einfach wie einen Mantel abstreifen und in seinem alten Leben zurücklassen. Das ist ähnlich wie bei uns Menschen und unseren Verhaltensweisen, die uns vielleicht schon oft nerven, auf die wir im Akutfall aber trotzdem immer wieder zurückgreifen, obwohl wir nachher wissen, das hätten wir besser lösen können. Warum tun wir das? Weil unser Gehirn immer zuerst auf gelernte Verhaltensmuster zurückgreift, bevor neue Verhaltensweisen erlernt und gefestigt werden.
Und jetzt stell dir vor, du kommst zu einem aversiv arbeitenden Hundetrainer (von denen es leider noch viel zu viele gibt), der strafbasiert und nach veralteten Methoden trainiert, die jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren. Und der sagt dir, dass du deinem Hund mal ordentlich zeigen sollst, wer hier der Chef ist!?! Der hat das nicht zu tun und du wärst viel zu weich mit ihm, deswegen hast du ja jetzt den Salat !?! Und der Hund wäre ja sowas von dominant ?!? Und der muss da jetzt auf jeden Fall durch, sonst lernt der das nie ?!?
Kaum ausgesprochen, empfiehlt besagter Hundetrainer eine Rütteldose, eine Wasserspritze, eine Wurfkette, ein Halsband ohne Zugstopp, ein sehr schmales Halsband, ein Stachelhalsband, einen Elektroschocker oder sonstige grauenhafte Dinge, die einzig und alleine darauf abzielen, das Verhalten des Hundes durch bewusstes Hinzufügen eines Schmerz- und/oder Schreckreizes zu unterdrücken.
Der verbotene Werkzeugkasten: Wenn Strafe das Verhalten unterdrückt
Die Maßnahmen und Hilfsmitteln, die hierzu oft zu “Trainingszwecken” eingesetzt werden, sind vielfältig – aber lasse mich zusammenfassen: Sie sind allesamt laut Tierschutzgesetz verboten. VERBOTEN! Und zählen zu Tierquälerei.
Auszug aus dem österreichischen Tierschutzgesetz:
- §5 (1) im TschG: “Es ist verboten, einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen oder es in schwere Angst zu versetzen.”
- §5 (3a) TschG: “Gegen Abs. (1) verstößt insbesondere, wer Stachelhalsbänder, Korallenhalsbänder oder elektrisierende oder chemische Dressurgeräte verwendet oder…“
- §5 (3b) TschG: „… technische Geräte, Hilfsmittel oder Vorrichtungen verwendet, die darauf abzielen, das Verhalten eines Tieres durch Härte oder durch Strafreize zu beeinflussen oder …”
- §5 (3b) TschG: „… Halsbänder oder sonstige Vorrichtungen zur Fixation mit einem Zugmechanismus verwendet, welche keine Stoppfunktion aufweisen, sodass durch Zusammenziehen das Atmen des Hundes erschwert werden kann oder Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden können, oder…“
Quelle:
Bundesgesetz über den Schutz der Tiere (Tierschutzgesetz – TschG)
Dein Hund ist kein Problem, er hat ein Problem
Pfff … so, und jetzt frage ich dich ernsthaft: Ist das fair? Einem Lebewesen im Ausnahmezustand noch mehr Leid zuzufügen? Und denkst du wirklich, dass man mit diesem “Training” eine Verhaltensänderung beim Hund herbeiführen kann, ohne den Hund dabei psychisch kaputt zu machen?
Nebenbei erwähnt – die Beziehung und Bindung zu dir ist auf Lebenszeit bis auf die Grundmauern zerstört – aber gut, wer so arbeitet, legt auch keinen Wert auf Bindung.
Wie vorhin erwähnt, dein Hund zeigt dieses Verhalten aus einem bestimmten Grund (und der ist sicher nicht, weil er dominant ist). Das können blöde Vorerfahrungen oder Traumata sein, aber auch angelernte Verhaltensweisen, weil dein Hund in dieser Situation mehr Unterstützung von dir benötigen würde. Also bleibt ihm weiterhin nur seine gelernte und von uns unerwünschte Strategie “Leinepöbeln” – denn das ist seine (einzige) Lösung, um sich den anderen Hund vom Leib zu halten. Und die funktioniert ja in den meisten Fällen.
Wenn man die Hintergründe des Verhaltens analysiert und versucht zu verstehen, woher diese Reaktion kommt, ist es hoffentlich sonnenklar, dass man einem Hund wie Happy helfen muss. Helfen, nicht noch mehr Leid hinzufügen! Der Hund ist nämlich kein Problem, er hat ein Problem und Leinepöbeln ist sein Hilfeschrei.
Die wahre Ursache: Wenn fehlende Unterstützung zur Überforderung führt
Vergleiche es mal mit dir – ja, ich vergleiche jetzt einfach mal den Hund mit dem Menschen. Warum? Weil wir alle Säugetiere sind und völlig gleich “funktionieren”, wir sehen nur anders aus.
Wie geht es dir, wenn du jedes Mal beim Anblick deines Erzfeindes völlig außer dir vor Wut und in Rage bist? Fühlst Du Dich gut dabei? Oder eher ohnmächtig und hilflos?
Drückst du einen Knopf “Wut”, der den Blutdruck steigen lässt, deine Gesichtsfarbe dunkelrot anlaufen lässt und deine Stimmlage 3 Oktaven höher schießt? Nein, tust du nicht. Es passiert einfach. Alleine der Anblick von deinem Erzfeind lässt dich nicht mehr rational denken.
Und wie fühlst du dich, wenn du völlig im Saft bist? Ist das ein angenehmes, wohliges Gefühl? Oder ist das eher eine schwere, aufgeladene Energie und ein Gefühl der Ohnmacht?
Wenn du nun einen wichtigen Menschen an deiner Seite hättest, der dich in diesem Ausnahmezustand unterstützt, dir gut zuredet und dir rät, einfach die Straßenseite zu wechseln, wärst du dann nicht dankbar für diese einfache, aber sehr effektive Maßnahme, um dein Stresslevel wieder in ruhigere Bahnen zu lenken? Oder hättest du es lieber, dass dich dein Begleiter anschreit, an dir herumzerrt, dir einen Tritt in den Hintern verpasst und meint, du sollst dich nicht so aufführen und dich deinem Feind stellen?
Die Antwort aus Menschensicht ist ganz einfach und logisch, richtig?
Und wenn ich dir sage, dass sich dein Hund genauso schlecht fühlt in so einer Situation wie du, dann kannst du mir das ruhig glauben. Hier ist wieder der Hinweis, dass wir alle Säugetiere sind und gleich fühlen – bei Freude, Schmerz, Lust, Angst oder Stress. Das Gehirn sendet die gleichen Botschaften an den Körper, es werden die gleichen Botenstoffe produziert, damit wir diese Situationen überleben.
Das Prinzip von Ursache und Wirkung
Es ist nun deine Aufgabe als Hundehalter, deinem Hund in dieser Situation zu helfen und ihm eine andere Strategie anzulernen. Eine, die seinen Bedürfnissen in diesem Moment entspricht.
Und genau deshalb ist es so wichtig, die Ursache des Verhaltens herauszufinden.
Erst die Ursache, dann das Training: Die Bedürfnisse deines Hundes erkennen
Denn es macht einen großen Unterschied, ob der Hund aufdreht, weil er den anderen vertreiben will (Angst- oder Aggressionsverhalten) oder ob er sich nicht mehr einkriegt, weil er unbedingt zum anderen hin will (Frust). Es macht weiters einen Unterschied, ob dein Hund lediglich ein Begegnungsproblem hat oder ob es sich um einen traumatisierten Hund handelt.
Wenn Du hier keinen Unterschied machst, wirst Du keinen nachhaltigen Trainingserfolg haben, denn die Bedürfnisse deines Hundes sind in allen Fällen völlig unterschiedlich, das sichtbare Verhalten aber für Laien identisch – außer, man kann die Körpersprache des Hundes lesen, dann wirst du nämlich Unterschiede erkennen.
Das Training mit Strafe fragt aber nicht nach dem “Warum?”. Hier wird einfach nur das Symptom “Leinenaggression” unterdrückt und gehemmt – und zwar mit dem Einsatz von Druck und psychischer wie teils auch physischer Gewalt. Der Hund wird sein Verhalten aus Angst vor erneuten Schmerzen einstellen, da ihm aber nicht beigebracht wird, wie er sich in der Situation alternativ verhalten soll, wird er früher oder später in die erlernte Hilflosigkeit fallen, vergleichbar mit einem Kontrollverlust.
Wie schlimm sich dieses Gefühl anfühlen muss, kann wohl jeder mit etwas Empathiefähigkeit erahnen.
Eine weitere Nebenwirkung von diesem “Training”: Der Hund muss sich ein anderes Ventil suchen, um seinen Stress oder Frust los zu werden. Herzlichen Glückwunsch, soeben wurde der Grundstein für die nächste unerwünschte Verhaltensweise gelegt.
Unerwünschtes Verhalten zu hemmen oder unterdrücken ist Hundetraining aus dem vorletzten Jahrzehnt. Wer immer noch denkt, der Hund wäre sein Untergebener und hätte zu funktionieren wie eine Maschine, sollte sich überlegen, ob er sich nicht lieber ein Stofftier zulegen möchte.
„Gewalt beginnt, wo Wissen endet und Verzweiflung ihren Anfang nimmt“. (Ute Blaschke-Berthold)
Bedürfnisorientiertes & faires Hundetraining
Hunde absichtlich in Situationen zu bringen, die sie nicht schaffen können und keinerlei Hilfestellung zu leisten, ist unfair und in meinen Augen moralisch verwerflich.
Im bedürfnisorientiertem und achtsamen Hundetraining trainieren wir mit dem Hund in jenem Bereich, wo er noch denken kann. Denn nur dort wird er in der Lage sein, ein neues Verhalten zu erlernen. Und dieses Verhalten muß seinen Bedürfnissen entsprechen, denn wir wollen doch später einen Hund, der völlig entspannt mit Artgenossen umgehen kann und positive Emotionen mit diesen verknüpft, oder etwa nicht?
Dafür muß der Hundemensch aber in der Lage sein, seinen Hund lesen zu können, bereit sein, kleinschrittiges Training in den Alltag einzubauen und an der Beziehung und Bindung zu arbeiten: Hundebedürfnisse erkennen und erfüllen, Mini-Erfolge feiern und auch mit kleinen Rückschlägen umgehen lernen. Das erreicht man nicht in 2 Trainingseinheiten, dafür erarbeitest du dir aber mit deinem Hund eine langfristige und vor allem nachhaltige Verhaltensänderung – und zwar ohne Druck, Gewalt und Strafe.
Im Falle von Happy muss man wissen, dass er 7 Jahre seines Hundelebens seine alte Strategie angewandt hat. 7 Jahre, ein halbes Hundeleben lang. Da kann ich jetzt nicht erwarten, dass er innerhalb von ein paar Monaten ein neues Verhalten an den Tag legt und völlig entspannt an Artgenossen vorbeigeht. Zumal wir ja noch weitere Ursachen haben, die ihn bei einer Hundebegegnung nicht entspannt sein lassen und die wir zuerst bearbeiten müssen, sein Sicherheitsgefühl zum Beispiel. Wenn das im Alltag nicht erfüllt ist, wird er sich auch bei Hundebegegnungen weiterhin nicht sicher fühlen und in Verteidigungshaltung gehen (müssen). Oder seinen chronischen Stress, der es ihm oft nicht möglich macht, nachzudenken und gute Entscheidungen zu treffen.
Ja, es ist mühsam, wenn der Hund in die Leine prescht. Die Spaziergänge verlieren ihre Leichtigkeit und zerren teilweise an unser beider Nerven. Es ist viel Management und Trainingswissen erforderlich, um den Hund nicht in Situationen zu bringen, die er nicht schaffen kann. Man kann sich so einiges anhören von der Umwelt mit einem “unerzogenen” Hund und erntet böse und schiefe Blicke, wenn der Hund auslöst. Oder man führt Diskussionen mit „Tut Nix“-Haltern, die ungefragt in dich reindonnern und nicht einmal dann den Ernst der Lage erkennen, wenn der Hund schon völlig am Rad dreht. Aber auch das muß man lernen – aushalten und ruhig bleiben, auch wenn der eigene Hund gerade eskaliert.
Nochmals der Hinweis, dass hier kleinschrittiges Training der Schlüssel zum langfristigen und nachhaltigen Erfolg ist: Ursache finden, am Alltag arbeiten, Sicherheit und Planbarkeit für den Hund herstellen, an der Beziehung und Bindung arbeiten und dem Hund eine neue Strategie lernen – und zwar eine, die seinem Bedürfnis entspricht und keine 0815 Methode, die über alle Hunde gestülpt wird. Und das Ganze in seinem Tempo! Und das dauert je nach Vorerfahrungen und deinen Trainingsfähigkeiten mehr oder weniger lang – und ist auch abhängig davon, ob es sich um ein klassisches Begegnungsproblem handelt oder eine Traumatisierung vorliegt.
Verabschiede dich von der Vorstellung, ein Hund müsse 100% perfekt funktionieren. Hunde sind Lebewesen – so wie wir auch – und kein Lebewesen ist perfekt. Und schon gar nicht Tierschutzhunde mit unglücklichem Start ins Leben, schlechten Erfahrungen oder Traumata – jeder Hund, aber gerade sie, verdienen noch mehr Verständnis und Einfühlungsvermögen und keinesfalls Druck, Strafe und Gewalt. Denn viele von ihnen hatten in ihrem alten Leben bereits genug davon und möchten gerne in ihrem neuen Leben ankommen und aufblühen – aber dabei müssen wir ihnen helfen, als Hundehalter und auch als Trainer.
Häufige Fragen zu Leinenaggression beim Tierschutzhund
Was ist Leinenaggression beim Hund?
Leinenaggression beschreibt das Verhalten eines Hundes, der beim Anblick anderer Hunde oder Menschen an der Leine bellt, in die Leine springt oder sich aufbaut.
Das ist kein Dominanzproblem, sondern entsteht durch Frust, Angst oder Überforderung. Viele Hunde haben gelernt, dass Pöbeln Distanz schafft – ist also eine Strategie, um mit Stress umzugehen.
Ist Leinenaggression ein Zeichen von Dominanz oder Ungehorsam?
Nein. Leinenaggression hat nichts mit Dominanz zu tun, sondern ist ein Stressverhalten.
Der Hund fühlt sich bedroht, unsicher oder überfordert und versucht, durch sein Verhalten Distanz zu schaffen. Es ist ein Hilferuf, keine Respektlosigkeit – und schon gar kein Ungehorsam.
Kann Leinenaggression bei älteren oder traumatisierten Tierschutzhunden noch verändert werden?
Ja. Das Gehirn bleibt lebenslang lernfähig, auch bei Hunden mit schwieriger Vergangenheit. Mit kleinschrittigem, gewaltfreiem Training und dem Fokus auf Sicherheit, Vertrauen und Stabilität lassen sich neue Strategien aufbauen – egal, wie alt dein Hund ist oder was er erlebt hat. Allerdings benötigt eine Verhaltensänderung Zeit. Eine schnelle Lösung gibt es nicht. Nirgends.
Was ist der erste Schritt, um Leinenaggression zu reduzieren?
Der wichtigste Sofort-Schritt ist Management statt Konfrontation. Vermeide Situationen, die dein Hund aktuell noch nicht bewältigen kann – durch mehr Abstand, Sichtschutz und planbare Begegnungen. So sinkt der Stresspegel, und dein Hund wird wieder überhaupt erst lernfähig.
Wie hängt Leinenaggression mit Stress oder Trauma zusammen?
Leinenaggression ist oft kein Erziehungsproblem, sondern ein Zeichen tieferliegender Stressbelastung oder traumatischer Erfahrungen. Gerade Tierschutzhunde, die lange an der Kette oder isoliert gelebt haben, konnten keine sicheren Sozialstrategien lernen.
Ihr Nervensystem reagiert schneller und intensiver auf Bedrohung – und die Leine schränkt zusätzlich ihre Fluchtmöglichkeit ein. Das Ergebnis: Überforderung, Anspannung und Abwehrverhalten.

Daniela Loibl - Hundeverhaltensberaterin
Ich begleite Hunde, die mit den Anforderungen des neuen Lebens überfordert sind - und Menschen, die verstehen wollen, warum. Mein Hund Happy, ein ehemaliger Kettenhund mit komplexer PTBS, hat mir gezeigt, was fundiertes Wissen, Geduld und ein tieferes Verständnis für Verhalten bewirken können, wenn Training allein nicht reicht. Mein Ansatz basiert auf verhaltensbiologischen und neuropsychologischen Erkenntnissen - modern, bindungsorientiert und 100 % gewaltfrei.
Wenn dein Hund an der Leine ausrastet, steckt meist mehr dahinter.
Hinter auffälligem Verhalten steckt immer ein Grund. Ich helfe dir, die Ursachen zu erkennen – ob Stress, Angst, Unsicherheit oder alte Erfahrungen.
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