Aggression beim Hund:
Warum Gewalt nie die Lösung ist

Vor Kurzem bekam ich eine Anfrage von einer Dame, die sich Unterstützung bei ihrem rumänischen Straßenhund wünscht. Wir haben ein bisschen geplaudert, wo denn ihre Herausforderungen liegen und dann sagt sie plötzlich: “Du hast ja auch einen Problemhund!”. Mh, da war ich kurz mal still. Aber ich weiß natürlich, wie sie das gemeint hat – denn ich habe nach unserem kurzen Gespräch schon herausgehört, dass sie sehr wohl weiß, warum ihr Hund große Schwierigkeiten mit Artgenossen hat – und ihn nicht vorschnell als aggressiven Kerl und somit Problemhund aus dem Tierschutz abstempelt. Sie hat sich sehr viel damit beschäftigt, woher ihr Hund kommt und weiß, dass seine Vergangenheit und seine bisherigen Erfahrungen Auswirkungen auf sein heutiges Leben und Verhalten haben. Und sie ihm helfen muss, in seinem neuen Leben gut zurechtzukommen.

Aber die anderen Menschen, die diesen Hund als “Problemhund” abstempeln, nur weil er eine Verhaltensweise zeigt, die Fremde als unerzogen quittieren – die Nachbarn, die Passanten, die Hundehalter am Gassiweg – die kennen die Geschichte dieses Hundes natürlich nicht. Und sehr schnell wird ein Hund, der an der Leine pöbelt, Menschen anknurrt oder sein Spielzeug verteidigt als aggressiv, unerzogen oder Problemhund abgestempelt. Kommt er noch dazu aus dem Auslandstierschutz, ist für die meisten die Sache klar.

Öl ins Feuer gießen dann auch noch die zahlreichen strafbasierten Hundetrainer, die nach wie vor auf veraltete Theorien vom Rudelführer bestehen und damit eine gewaltsame und aversive Umgangsweise mit unserem Fellfreund rechtfertigen – denn die braucht ein “Problemhund” ja angeblich. Dass das Quatsch ist und dem Hund noch mehr Probleme macht, sieht der verzweifelte Hundehalter nicht.

Überblick

Der Mythos vom Problemhund: Ein Wort, das Verstehen verhindert

Was ist denn eigentlich ein “Problemhund”? Wer stellt denn die Regelung auf, einen Hund als solchen zu bezeichnen? Nun, die Erfahrung zeigt mir, dass eigentlich jeder Hund, der nicht dem von der Gesellschaft festgelegten Standard von gut erzogen entspricht, schnell als Problemhund abgestempelt wird.

Vor allem jedoch trifft es jene, die zu Aggressionsverhalten neigen – sei es jetzt ein Leinenrambo, ein Hund, der Menschen anknurrt oder anbellt, ein Hund der sein Futter oder sei Spielzeug verteidigt oder ein Hund, der niemanden beim Gartentor hineinlässt. Die Liste ist lang. Sobald der Hund nicht in das vom Menschen aufgestellte Schema passt und unauffällig überall mit hin spaziert, zu allem und jedem freundlich ist und alles mit sich machen lässt, wird er zum Problem – und zwar für den Halter.

Dabei ist es genau der Hund, der ein Problem hat: Ein Problem mit Menschen, die er bedrohlich findet. Ein Problem mit anderen Hunden, die ihm zu nahe kommen. Ein Problem mit dem Briefträger, der täglich sein Territorium betritt. Ein Problem mit seiner Bezugsperson, die ihm einfach sein Futter wegnimmt. Der Hund fühlt sich bedroht und antwortet – aufgrund seiner Erfahrungen – mit Aggressionsverhalten, um die Bedrohung von sich fernzuhalten.

Und das funktioniert ja in den meisten Fällen, da sich der andere Mensch oder Hund dann nicht mehr nähert. Dein Hund hat also eine Strategie, wie er mit einer Bedrohung umgeht – eine Lösung für sein Problem. Es liegt nun an dir als Halter und uns als Trainer, deinem Hund eine andere, bessere Strategie beizubringen. Wir wollen ja erreichen, dass sich dein Hund erst gar nicht mehr bedroht fühlt, dass er gar keinen Grund hat, sich selbst oder etwas verteidigen zu müssen.

Zusammengefasst lässt sich also festhalten: Aggressionsverhalten tritt auf, wenn sich ein Hund gegen eine Bedrohung wehren möchte oder eine für ihn wichtige Ressource sichern möchte. Demnach ist dein Hund kein Problem, sondern er hat ein Problem. Und das gilt es zu lösen, denn nur dann muss dein Hund nicht mehr mit Aggressionsverhalten antworten.

Angst-aggressiver Hund

Es gibt keinen Problemhund - nur Hunde mit Problemen

Genau diese Missverständnisse führen dazu, dass Hunde in Schubladen landen – anstatt verstanden zu werden. Viele der sogenannten „Problemhunde“ sind schlicht Hunde, die in ihrem Leben zu oft missverstanden wurden.

Der grausame Fall eines vermeintlichen “Problemhundetrainers”, der im Juni 2023 durch die österreichischen Medien* ging, ist leider kein Einzelfall. Es gibt zahlreiche selbsternannte Hundeexperten – mit oder ohne Ausbildung – die der Meinung sind, dass gewisse Verhaltensweisen nur mit Strafe und Gewalt gelöst werden können.

Je „schlimmer“ ein unerwünschtes Verhalten, desto „ärger“ muss das Training aussehen. Denn dem Hund muss man mal zeigen, wo der Hammer hängt. Und so trifft es vor allem Hunde, die zu Aggressionsverhalten neigen, eine schwere Vergangenheit hatten, traumatisiert sind oder einer gewissen Rasse angehören – eben die sogenannten „Problemhunde“.

Doch es gibt ihn nicht, „den Problemhund“. Jedes Verhalten hat einen Grund, wirklich jedes. Und es reicht nicht, den Deckel auf den Kelomat zu drücken, um dieses Verhalten unsichtbar zu machen. Denn damit ist nur dein Problem gelöst, das Problem deines Hundes besteht weiterhin und ist wahrscheinlich sogar größer geworden – nur siehst du es nicht mehr. Man muss an der Ursache arbeiten – und das ist bei einem Leinenrambo eine andere als bei einem traumatisierten Hund.

* Zeitungsartikel vom Juni 2023

Mein Tierschutzhund Happy - ein vermeintlicher Problemhund

Mein Happy ist auch ein “Problemhund”. Happy ist ein Hund, der von Welpe an über Jahre hinweg sehr viel Gewalt erfahren hat, jahrelang isoliert und an der Kette gelebt hat und dann noch 2 Jahre im Shelter absitzen musste, bevor er zu mir kam. Heute weiß ich, dass Happy durch seine Erfahrungen schwer traumatisiert ist und an komplexer Posttraumatischer-Belastungsstörung (PTBS) leidet.

So einem belasteten Hund wieder das Vertrauen ins Leben zurückzugeben, ist ein ganzes Stück Arbeit. Wahrscheinlich sein restliches Hundeleben lang. Happy kann nichts dafür, dass der Mensch ihn damals an seine Belastungsgrenze gebracht hat.

Seine heutigen Probleme und Verhaltensweisen sind nur eine Konsequenz davon. Eine Konsequenz von gewaltsamem Umgang mit ihm.

Der Spruch “Die Zeit heilt alle Wunden” trifft auf ihn wohl besonders zu – 7 Jahre blöde Erfahrungen lassen sich nicht einfach mit ein paar Trainingseinheiten löschen und schon gar nicht mit welchen, wo wir ihn mit Wasser bespritzen, ihm irgendetwas hinterher werfen, ihm am Halsband die Luft abschneiden oder ihn zu Boden drücken.

Mehr über Happy & seine Geschichte findest du hier: Hallo, ich bin Happy! 

Es gibt ihn nicht, DEN Problemhund

Damit man einen vermeintlichen „Problemhund“ wieder alltagsfit machen kann, einem traumatisierten Hund wieder Sicherheit und seine Lebensfreude zurückgeben kann, benötigt es vor allem eines: Fundiertes Wissen über Hunde – und zwar wissenschaftlich fundiertes und modernes Wissen. Denn Hundeverhalten hat immer Gründe – und die gilt es herauszufinden. Denn nur dann kann man an der Ursache arbeiten – und zwar langfristig und nachhaltig und vor allem hundefreundlich.

Alles andere ist reine Symptom-Unterdrückung – sehr praktisch für den Hundehalter, aber meist sehr unangenehm und oftmals auch schmerzhaft für den Hund. Um eine adäquate Verhaltensanalyse durchführen zu können, benötigt es Fachwissen und Erfahrung – ein Selbstlernkurs auf YouTube oder ein selbst verliehener Titel als „Problehundetrainer“ reichen hier bei weitem nicht aus.

An dieser Stelle noch einmal der Hinweis, dass man in Österreich KEINERLEI Qualifikation benötigt, um sich Hundetrainer nennen zu dürfen (und auch in Deutschland ist die Prüfung zum §11 mehr Schein als Sein). Ebenso gibt es keinen Ausbildungsstandard, dh auch wenn dein bevorzugter Trainer “ausgebildet” oder “zertifiziert” ist, solltest du überprüfen, wo und bei wem diese Ausbildung gemacht wurde. Denn auch strafbasiertes Training wird nach wie vor unterrichtet.

Wir können nur gemeinsam die Hundewelt freundlicher machen, indem wir alle genau hinsehen, wem wir unsere Hunde und ihre Gesundheit anvertrauen. Egal ob Trainer oder Therapeut, in der heutigen Zeit ist es essentiell, beim Umgang mit einem Lebewesen eine fundierte, moderne und anerkannte (!) Ausbildung zu haben.

Ein modernes, gewaltfreies Training basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, nicht auf Dominanz oder Strafe. Denn Gewalt schafft Angst, Angst schafft Aggression – und der Kreislauf beginnt von vorne.

Wir können die Hundewelt nur verändern, wenn wir genau hinsehen, wem wir unsere Hunde anvertrauen – und wenn wir bereit sind, dazuzulernen. Denn fundiertes Wissen ist der beste Tierschutz.

Lies dazu gerne meinen Artikel: Hundeverhalten verstehen

Tierschutzhund Happy und Frauli unterwegs

Aggression beim Hund ist Normalverhalten

Aggressionsverhalten bei Hunden bezieht sich eben auf Verhaltensweisen, bei denen ein Hund droht, knurrt, vorspringt, schnappt oder beißt, um sich selbst, sein Territorium, Ressourcen oder andere Individuen zu verteidigen. Das Ziel von Aggressionsverhalten ist Distanzvergrößerung zur Bedrohung zu erreichen.

Der Begriff „Der aggressive Hund“ ist also schon per se falsch, da es nicht „… diese eine Aggression…“ gibt, von der immer alle mit Meinung sprechen. Im Rahmen von Aggressionsverhalten – also hündischer Kommunikation – gibt es eine breite Palette an Verhaltensweisen, die gezeigt werden – und zwar je nach Art der Bedrohung und je nach Lernerfahrung entsprechend stark.

Du erkennst an der Körpersprache deines Hundes die Stufen bis zur Attacke. Dafür muss der Hundemensch jedoch die Körpersprache lesen können – eines der häufigsten Mankos, die ich im Trainingsalltag erlebe. So viele Situationen würden sich von Beginn an besser lösen lassen, wenn der Mensch am Ende der Leine auf die (oftmals feinen) Signale seines Hundes achten würde und bereits auf die ersten Konfliktzeichen entsprechend reagiert. Oder das Gegenüber mit dem Tut-nix Hund erkennt, dass sich unser Hund unwohl fühlt und ausnahmsweise nicht ungefragt in uns reindonnert, sondern einen großzügigen Bogen macht und uns dabei ein freundliches Lächeln schenkt (… ich weiß, ich bin ein unverbesserlicher Optimist …).

Es gibt nicht nur verschiedene Ausdrucksweisen von Aggressionsverhalten sondern auch verschiedene Gründe, warum Aggressionsverhalten gezeigt wird:

  • Territoriale Aggression: Der Hund verteidigt sein Territorium, sei es das Zuhause oder andere Orte, die er als sein Revier betrachtet.
  • Ressourcenverteidigende Aggression: Der Hund zeigt aggressives Verhalten, wenn es um Ressourcen wie Futter, Spielzeug oder Liegeplätze geht. Er möchte diese Ressourcen für sich behalten und verteidigen.
  • Aggression aus Angst oder Unsicherheit: Der Hund reagiert aggressiv auf Situationen oder Reize, die er als bedrohlich empfindet. Diese Aggression kann als Schutzmechanismus dienen, um sich selbst zu verteidigen.
  • Aggression aufgrund von Frustration: Wenn ein Hund frustriert ist, beispielsweise weil er nicht zu einem bestimmten Ziel gelangen kann, kann er sein Verhalten in Aggression umleiten.

 

Aggression ist ein normales Verhalten bei Hunden, kann jedoch problematisch werden, wenn es übermäßig oder unangemessen ausgeübt wird. Um Verhalten richtig einordnen zu können und die geeignete Trainingsstrategie zu wählen, gilt es unbedingt zu unterscheiden, ob es sich um echtes Problemverhalten oder lediglich unerwünschtes Verhalten handelt.

Zudem ist es essentiell herauszufinden, warum der Hund dieses Verhalten zeigt. Sehr oft ist es der Mensch, der den Hund in bedrohliche Situationen bringt oder ihm durch unachtsames Verhalten lernt, dass er auf Dinge, die ihm wichtig sind, gut aufpassen muss.

  • unerwünschte Verhaltensweisen: Von diesen gibt es zahlreiche, werden sie doch vom jeweiligen Hundehalter und/oder der Gesellschaft aufgestellt. Es zählt zum Normalverhalten von Hunden, wird aber vom Menschen als störend oder unangemessen empfunden.
  • tatsächliches Problemverhalten: Auch diese Verhaltensweisen zählen zum Normalverhalten von Hunden, diesem Verhalten liegt aber eine massive Belastung auf körperlicher und/oder psychischer Art zugrunde. Hierbei handelt es sich großteils um massives Aggressions- oder Angstverhalten.

Ursachen für Aggressionsverhalten beim Hund

Die Unterscheidung zwischen unerwünschtem Verhalten und Problemverhalten ist also essentiell, um angemessene Lösungsansätze auszuwählen. Wenn ein Hund Besucher an der Türe über den Haufen rennt, weil er mit der Begrüssungssituation überfordert ist, sieht das Training anders aus als bei einem Hund, der zu territorialer Verteidigung neigt und auf Besucher hinstürzt, um sein zu Hause zu sichern. Bei beiden Verhaltensweisen steckt jeweils ein anderes Bedürfnis hinter dem Verhalten – und das gilt es mit einzubeziehen. Denn sonst wird man keine nachhaltige Verhaltensänderung schaffen. Der vielgenannte Tipp „Schick ihn auf seinen Platz und dort hat er zu bleiben“ zählt wieder nur zu „Verhalten unterdrücken“ und birgt für mich v.a. im Falle des Territorialverhaltens Explosionsgefahr. Dein Hund lernt nicht, Besuch in seinem zu Hause zu tolerieren, sondern unterdrückt nur sein Bedürfnis nach Vertreibung des Besuchers.
 
Unerwünschte Verhaltensweisen sind mit gutem und positiven Training oft schnell in die richtigen Bahnen umgelenkt, ohne den Hund dabei zu strafen oder zu hemmen. Man lernt ihm ein erwünschtes Alternativverhalten, bei dem er sich wohlfühlt und motiviert ist. Wohingegen es bei Problemverhalten einer tiefer gehenden Verhaltensanalyse bedarf, um die Ursachen zu verstehen, geeignete Managmentmaßnahmen zu ergreifen und kleinschrittiges (!) Training aufzubauen. Das lernst du nicht in der Hundeschule, denn die Trainingsschritte hierfür sind individuell und müssen auf dich, deinen Hund, die gezeigten Verhaltensweisen und euer Lebensumfeld abgestimmt werden.
 
Die Gründe für Aggressionsverhalten sind vielfältig und oftmals nicht auf den ersten Blick ersichtlich:
 
  • Lernerfahrungen im Welpen- und Junghundealter: Junge Hunde lernen besonders schnell. Allerdings festigen sich auch negative Erfahrungen in diesem Alter besonders schnell. In Bezug auf Artgenossen vor allem jene in schlecht geführten Welpenspielgruppen oder das klassische „Die machen das schon unter sich aus“ in der Hundefreilaufzone.
  • Krankheit und Schmerzen: Vorrangig geht es hier um Schmerzen im Bewegungsapparat, Magen/Darm Beschwerden oder hormonelle Ursachen. Wobei die Definition von Schmerz von „gelegentlichem Unwohlsein“ bis hin zu „chronischen Schmerzen“ reicht. Zwickts irgendwo, ist der Hund nicht in der Lage, angemessen zu reagieren. Aus Angst vor weiteren Schmerzen, zB durch ein wildes Spiel mit einem Artgenossen, zeigt er Aggressionsverhalten, um sich den Kollegen vom Hals zu halten.
  • Aversiver Umgang bzw. strafbasiertes Training: Aversiver, also gewaltsamer Umgang, fördert Aggressionsverhalten. Für einen empathischen Menschen ganz klar: „Gewalt erzeugt Gegengewalt“ und kann niemals die Lösung sein. Strafbasiertes Training unterdrückt Verhalten, anstatt an der Ursache zu arbeiten. Vergleichbar mit einem Druckkochtopf, wo man den Deckel so lange wie möglich draufhält – doch irgendwann werde ich dem Druck nicht mehr standhalten und der Kochtopf aka der Hund wird explodieren.
  • Vorerfahrungen und erlernte Strategien: Gerade bei Tierschutzhunden oder Second Hand Hunden weiß man nicht, welche Erfahrungen und angelernte Strategien sie bereits mitbringen. Oftmals blieb ihnen in ihrem früheren Leben nichts anderes übrig, als sich selbst zu verteidigen – gegen Menschen, die es nicht gut gemeint haben mit ihnen, gegen Artgenossen, die ihnen Futter oder den Liegeplatz streitig machen wollten.
  • Traumata und psychische Erkrankungen: Ein traumatisches Erlebnis bringt den Hund an seine Belastungsgrenze und hinterlässt Spuren. Das Stress-System dieses Hundes ist ab sofort dauerhaft alarmiert und in Bereitschaft (über) zu reagieren. Diese Tatsache lässt den Hund in stressigen, bedrohlichen oder beängstigenden Situationen keine klugen Entscheidungen treffen. Er reagiert auf Bedrohungen häufig mit heftigem Aggressionsverhalten oder massivem Angstverhalten.

 

Wer bis hierher gelesen hat, wird mir hoffentlich zustimmen, dass für eine Verhaltenstherapie eines „Problemhundes“ oder eines Hundes, der Aggressionsverhalten zeigt, mehr notwendig ist als „eine harte Hand“ und ein selbst erfundener Berufstitel wie „Problemhundetrainer“ ohne Ausbildung. 

Eine umfassende Beurteilung des Verhaltens durch einen qualifizierten (!!!) Hundetrainer oder einen Hundeverhaltensberater ist essentiell, um die Ursachen der Aggression zu identifizieren und einen geeigneten Trainings- und Verhaltensplan zu entwickeln. Es benötigt vor allem Verstehen von Bedürfnissen sowie Motivationen für Verhalten, Einbeziehung von bisherigen Lernerfahrungen und genetischer Veranlagung, Beurteilung von Vorerfahrungen und möglicher Traumata sowie das Wissen über die negativen Auswirkungen von strafbasiertem Umgang und aversiven Trainingsmethoden.
 
In einigen Fällen ist sogar die Zusammenarbeit mit einem Verhaltensmediziner notwendig – einerseits für die Ursachenforschung und andererseits für die weiterführende Behandlung. Das erklärt nun sicher auch, warum sich derartige Verhaltensauffälligkeiten nicht in ein paar wenigen Trainingsstunden löschen lassen.

Gewaltfreies Hundetraining: Die nachhaltige Lösung für Aggressionsprobleme

Ich kann leider die Hundewelt nicht alleine verändern. Es wird immer Angebote von aversiv arbeitenden Hundetrainern geben, und auch von Trainern, die null Wissen haben – denn leider ist es in Österreich möglich, ohne jegliche Qualifikation sein Hundetrainer-Gewerbe zu eröffnen.

Es wird immer Menschen geben, die ihren Hund mit Strafe erziehen wollen. Aber der Großteil der Hundehalter, die ich kennenlerne, weiß noch gar nicht, dass es seit einigen Jahrzehnten auch einen fairen, respektvollen und gewaltfreien Umgang mit Hund gibt, der sogar wissenschaftlich erforscht ist.

Und bei jedem Hund funktioniert – egal ob Problemhund, Tierschutzhund, unkastrierter Rüde oder Herdenschutzhund.

Die Stigmatisierung von Hunden als „Problemhunde“ aufgrund von Aggressionsverhalten ist einfach nicht gerechtfertigt. Es ist unsere Aufgabe, ihre wahren Bedürfnisse zu verstehen und ihnen mit einem gewaltfreien Ansatz zu begegnen. Gerade bei Auftreten von Problemverhalten, bei Sozialisierung oder bei traumatisierten Hunden reichen Meinung, veraltete Theorien und ein bisschen YouTube einfach bei Weitem nicht aus. Bei der Therapie eines traumatisierten Menschen würdest du auch nicht zur „xsundn Watschn“ raten, oder? Warum dann beim Hund? Warum?!

In diesem Sinne:

Stay happy & vor allem gewaltfrei!

Häufige Fragen zu Aggression beim Hund

Knurren ist kein Ungehorsam, sondern Kommunikation. Es zeigt, dass dein Hund sich unwohl oder bedroht fühlt. Wenn du Knurren bestrafst, nimmst du ihm ein wichtiges Warnsignal – und erhöhst das Risiko, dass er ohne Vorwarnung schnappt oder beißt. Nimm Knurren ernst und überlege, was dein Hund dir sagen möchte.

Aggressives Verhalten entsteht nie ohne Grund. Meist steckt Angst, Unsicherheit, Schmerz oder Überforderung dahinter. Auch schlechte Erfahrungen oder zu viel Druck können dazu führen, dass ein Hund aggressiv reagiert. Es lohnt sich immer, genau hinzusehen – denn erst, wenn du die Ursache kennst, kannst du sie verändern.

Aggressionsverhalten gehört zu den sogenannten 4Fs – den 4 Strategien, wie ein Hund mit Konflikten oder Bedrohung umgehen kann: Fight, Flight, Freeze oder Fiddle. „Heilen“ bedeutet im gewaltfreien Training nicht, Aggression einfach abzustellen, sondern dem Hund eine andere Strategie beizubringen und dafür zu sorgen, dass er Situationen nicht mehr als bedrohlich erlebt. Wenn dein Hund sich sicher fühlt und neue Wege lernt, braucht er Aggression nicht mehr, um sich zu schützen.

Leinenaggression entsteht häufig aus Frustration („ich kann nicht hin oder weg“) oder Unsicherheit. Viele Hunde haben gelernt, dass Bellen oder Pöbeln Distanz schafft – also Sicherheit. Hilf deinem Hund, sich wohler zu fühlen, indem du auf Distanz achtest, Konflikte früh erkennst und Alternativen trainierst, die ihm Sicherheit geben. Mehr dazu in meinem Artikel „Achtung! Leinenrambo“ 

Bleib ruhig und bestrafe ihn nicht. Aggression zeigt, dass dein Hund sich bedroht fühlt. Analysiere, in welchen Situationen das passiert, und sorge für Abstand, bevor es eskaliert. Mit professioneller Unterstützung kannst du lernen, diese Situationen zu entschärfen und deinem Hund zu helfen, sich sicherer zu fühlen.

Das Wort „aggressiv“ wird oft zu schnell benutzt. Aggression ist keine Charaktereigenschaft, sondern Kommunikation – und sie entsteht in Stufen. Auf der sogenannten Eskalationsleiter zeigt der Hund viele Signale bevor er knurrt oder schnappt: Abwenden, Anspannung, Körpersteife, Fixieren, Zähne zeigen.

Ein Hund wird also nicht „aggressiv“, sondern versucht, mit einer für ihn schwierigen Situation umzugehen. Entscheidend ist, diese Signale rechtzeitig zu erkennen – und ihm zu helfen, gar nicht erst so weit zu kommen.

Nein – Strafe kann Aggression vielleicht kurzfristig stoppen, aber sie löst niemals die Ursache. Im Gegenteil: Strafe macht deinen Hund psychisch kaputt, weil er sein Problem nicht mehr zeigen darf. Er lernt, seine Angst oder Überforderung zu unterdrücken – und das ist wie ein ständig steigender Druck im Inneren.

Aggression verschwindet nicht, sie sucht sich nur einen anderen Weg. Gewaltfreies Training hilft deinem Hund, sich sicher zu fühlen und neue Strategien zu lernen – ganz ohne Angst vor Konsequenzen.

Daniela Loibl, Hundeverhaltensberaterin, mit Tierschutzhund Happy

Daniela Loibl - Hundeverhaltensberaterin

Ich begleite Hunde, die mit den Anforderungen des neuen Lebens überfordert sind - und Menschen, die verstehen wollen, warum.
Mein Hund Happy, ein ehemaliger Kettenhund mit komplexer PTBS, hat mir gezeigt, was fundiertes Wissen, Geduld und ein tieferes Verständnis für Verhalten bewirken können, wenn Training allein nicht reicht.
Mein Ansatz basiert auf verhaltensbiologischen und neuropsychologischen Erkenntnissen - modern, bindungsorientiert und 100 % gewaltfrei.

Hinter jedem aggressiven Hund steckt ein Hund, der sich schützen will.

Lerne zu verstehen, was dein Hund mit seinem Verhalten sagen möchte.

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