Tierschutzhund Eingewöhnung
Dein Plan für die ersten Wochen
Er ist da. Dein neuer Hund aus dem Tierschutz. Du wolltest einem Hund ein zweites Leben schenken, aber die Realität sieht anders aus als der Traum auf Instagram. Statt dankbarer Blicke siehst du Unsicherheit, Angst oder pure Überforderung. Und ganz ehrlich? Dir geht es genauso. Du fragst dich „Was habe ich mir hier angetan?“ und „Muss ich jetzt schon mit dem Training anfangen?“.
Atme tief durch. Ich verstehe dich. Du bist nicht allein. Es geht vielen Adoptanten wie dir.
Dieser Guide ist dein ehrlicher Begleiter für die erste Zeit. Kein Schönreden, kein „muss man halt durch“, sondern ein echter Plan, der auf die besondere Psyche von Tierschutzhunden eingeht.
Jeder Hund bringt seine eigene Geschichte mit und kommt daher mit einem voll gepackten Rucksack an Erfahrungen zu Dir.
Wie sich diese auf euer Zusammenleben und das Verhalten des Hundes auswirken, lässt sich im Vorfeld nicht sagen. Von niemandem. Hunde verhalten sich im Tierheim oft anders als Zuhause – nur weil ein Hund im Zwinger viel bellt, heißt es nicht, dass er das auch zuhause macht. Dennoch gibt es Rassen, die bellfreudiger sind als andere. Genauso wie jene, die es lieber gemütlich haben und jene, die für jede Sporteinheit zu begeistern sind.
Nur weil ein Hund mit anderen Hunden im Shelter oder auf einer Pflegestelle gelebt hat, bedeutet es noch lange nicht, dass er beim Spaziergang mit fremden Artgenossen klarkommt.
Es gibt Hunde, die wirklich Schlimmes erlebt haben und sich nicht vor die Haustüre trauen, dann gibt es Hunde, die aufgrund ihrer Vorerfahrungen oder Überforderung aggressiv auf Umwelt, Mensch oder Tier reagieren und dann gibt es auch Hunde, die einfach nur im Hier und Jetzt leben und ihre Vergangenheit bereits vergessen haben.
Deine Entscheidung für den richtigen Hund sollte keinesfalls aus Mitleid getroffen werden und auch nicht aufgrund der Optik. Viel wichtiger ist es, deinen neuen Wegbegleiter mit Bedacht auszuwählen, rassetypische Bedürfnisse zu beachten, deine Lebenssituation und deine Möglichkeiten mit einzuplanen und dir bewusst zu sein, dass dein Hund anfangs mehr Unterstützung und Zeit braucht. Mitunter Wochen oder sogar Monate.
Dein Tierschutzhund zieht ein: Was jetzt wichtig ist
Mit dem Einzug eines Tierschutzhundes mit unbekannter Vergangenheit kommen mitunter jede Menge Herausforderungen auf dich zu, mit denen du nicht gerechnet hast und die keiner vorhersehen kann. Jeder Hund bringt seine eigene Geschichte mit und kommt daher mit einem voll gepackten Rucksack an Erfahrungen zu Dir.
Möglicherweise hatte Dein Tierschutzhund keine schöne Vergangenheit oder einen unglücklichen Start in sein Hundeleben. Gerade diese Hunde brauchen oft mehr Zeit zum Eingewöhnen, weil sie ängstlich oder unsicher sind oder in der Vergangenheit gelernt haben, sich mit aggressiven Verhaltensweisen unerwünschte Personen und/oder Hunde vom Leib zu halten. Manche von ihnen haben auch traumatische Erlebnisse zu verarbeiten oder sind von diesen belastet.
Dein neuer Tierschutzhund kommt in ein für ihn völlig unbekanntes Umfeld. Dass es hier jeder nur gut mit ihm meint und das Beste für ihn will, muss er erst lernen. Die Sache mit der Dankbarkeit ist ein Märchen, an das viele glauben wollen.
Die Wahrheit ist: Er hat zu dem Zeitpunkt, wo er bei Dir einzieht, alles verloren – alle Menschen, die er bis dahin kannte, Hundekumpels, mit denen er zusammen war, sowie seine gewohnte Umgebung. Auch, wenn das vorige Leben nicht schön war, es war dennoch das Leben deines Hundes. Das Leben, das er gekannt hat. Das Leben, das ihm Strukturen und damit Sicherheit gegeben hat. Und das ist mit dem Umzug zu dir auf einen Schlag weg.
Wenn du also gerade überfordert oder verzweifelt bist, folgende Empfehlungen aus meiner Praxis solltest du auf jeden Fall berücksichtigen:
Gib deinem Tierschutzhund Zeit
Dein Hund macht nichts, weil er dir etwas auswischen will, der Chef sein will, dich kontrollieren will oder dominant ist. Er findet sich aus diversen Gründen in deinem Alltag noch nicht gut zurecht. Im Durchschnitt brauchen Tierschutzhunde ca. 6 Monate, um wirklich anzukommen. Das ist aber auch jene Zeit, in der nach und nach unerwünschte Verhaltensweisen entstehen, wenn dein Hund nicht optimal in der Eingewöhnung unterstützt wird. 2 Wochen Urlaub und dann wieder in deinen Alltag zurückzukehren, kann für viele Hunde überfordernd sein.
Erwarte nichts
Das Wichtigste ist, dass dein Hund einmal ankommen darf und dein bzw. sein neues Leben in seinem Tempo kennenlernen darf. Leine, Brustgeschirr, Autofahren, Alleine bleiben, Kinder, Fahrradfahrer – all das kennt dein Tierschutzhund nicht. Du musst nichts überstürzen und auch nichts aufholen. Hunde lernen ein Leben lang und jeden Tag (nicht nur in den ersten 12 Wochen und nicht nur in der Hundeschule). Achte auf sein Wohlbefinden, versuche Stress zu vermeiden oder zu reduzieren, sei empathisch und sehe Deinen Hund als gleichwertiges Familienmitglied. Alles andere kommt dann mit der Zeit bzw. bringt positives Training sowie der bedürfnisorientierte Umgang mit sich.
Einzelcoaching statt Gruppenkurs
Der klassische Gruppenkurs für zB Grundgehorsam oder Leinenführigkeit ist gerade zu Beginn nicht die richtige Wahl. Wenn der Hund noch zu gestresst ist, noch nicht angekommen ist oder andere Baustellen hat, muss vorher an der Basis gearbeitet werden (Stressmanagement, Gesundheit, Wohlbefinden, Sicherheit im Alltag bekommen etc.) – und zwar individuell. Was für Hund A gilt, muss nicht für Hund B gelten.
Hände weg von aversivem Hundetraining
Dein Tierschutzhund ist überfordert?
Unwissende und Social Media Möchtegern-Trainer sprechen ja gerne von einem „sturen Hund“ oder einem Hund, dem man „mal zeigen muss, wer der Chef ist“, wenn der Hund nicht tut, was man ihm sagt. Doch wer sich mit Verhaltensbiologie beschäftigt weiß, dass dem nicht so ist.
Wenn ein Hund nicht hört, ist es meistens so, dass der Hund zu viel Alltagsstress hat. Das Gehirn ist überlastet, der Akku leer. Der Hund hat schlicht keine Kapazität mehr, um sich zu konzentrieren.
Und wenn der Mensch nicht aktiv dafür sorgt, dass die Stresslast reduziert und der Akku wieder aufgeladen wird – das Nervensystem wieder zur Ruhe kommt – ist irgendwann Schicht im Schacht. Nichts geht mehr.
Sind Hunde überfordert, über einen längeren Zeitraum oder temporär, ist das auch oft der Zeitpunkt, wo sich unerwünschte Verhaltensweisen entwickeln oder bereits bestehende Probleme verschlimmern.
Die Überforderung kann sich in unterschiedlichen Verhaltensweisen zeigen. Diese reichen von übermäßiger Aktivität, starker Reaktivität, aggressiven Verhaltensweisen, Zerstörungswut bis hin zur Passivität. Geräuschängste entstehen, bestehende Ängste werden schlimmer oder der Hund wird schreckhafter.
Aber auch körperliche Symptome wie Durchfall oder Erbrechen können in Kombination mit gewissen Verhaltensweisen auf eine erhöhte Stressbelastung hinweisen.
Wenn du eine dieser Verhaltensweisen bei deinem Hund wahrnimmst, solltest du eines sofort tun: Auf die Bremse treten. Entschleunigen. Druck und Tempo rausnehmen.
Meist passiert leider genau das Gegenteil: Wir verlangen noch mehr von unseren Hunden. Wir gehen noch länger und weiter spazieren, melden ihn zum Hundekurs an („Der muss nur beschäftigt werden!“) oder lassen ihn täglich auf der Hundewiese mit fremden Hunden toben.
Diese Maßnahmen sind zwar gut gemeint, sie verschärfen aber die Überforderung zusätzlich.
Ein Umzug in ein neues Zuhause ist Höchstleistung
Kommt unser Tierschutzhund in sein neues Zuhause, wird er – auch wenn du sehr beschaulich und ruhig lebst – mit sehr vielen neuen Reizen konfrontiert. Alles ist neu für dieses Hundegehirn und muss verarbeitet werden. Wirklich alles.
Auch vermeintlich einfache Dinge wie Klima, Sprache, Futter, Brustgeschirr anlegen, Einschränkungen durch die Leine, Autofahren, Menschen, fremde Hunde, Fahrzeuge aller Art, regelmäßige Gassigänge, Nachbarskatze, Hundefreunde etc.
Zudem musst du auch noch beachten, dass dein neuer Hund bereits von der Anreise zu dir (und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten wie Einfangen, tierärztliche Untersuchung, Transport, Übergabe) völlig erschöpft ist.
Das Hundegehirn muss auf einmal Höchstleistungen bringen. Von einem Tag auf den anderen. Dass das nicht sofort möglich ist, weiß jeder, der nach Jahren wieder beginnt zu lernen. Man hat so richtig Bock auf eine neue Fremdsprache, aber die Vokabeln wollen einfach nicht ins Gehirn rein. Man benötigt viel länger für eine Aufgabe als früher, wird schneller müde und ist am Ende richtig geschlaucht. Es braucht Zeit, bis das Gehirn wieder „in Fahrt“ kommt und belastbarer ist.
Und genauso geht es auch unseren Hunden aus dem Tierschutz. Wir vergessen bei all der guten Tat und unseren Bemühungen, dass wir diese Hunde oft aus einer Umwelt zu uns holen, die extrem eintönig war. Sie war nicht schön, keine Frage, aber trotzdem jeden Tag der gleiche Trott. Das Gehirn musste sich monatelang, manchmal jahrelang mit keinen neuen Anforderungen oder gar Herausforderungen beschäftigen.
Wenn Reize fehlen, wird die Aktivität des Gehirns heruntergefahren. Nicht für immer, aber für den Moment. Es rostet quasi ein. Und wir müssen den Rost Schicht für Schicht entfernen. Damit darauf dann wieder Neues entstehen kann. Schritt für Schritt. Mit Geduld und System.
Doch nicht jeder Hund ist einfach überfordert – manche hatten nie die Chance, Reize kennenzulernen.
Deprivation: Aufgewachsen in reizarmer Umgebung
Wann soll ich mit dem Training beginnen?
Hunde lernen ein Leben lang, das ist biologisch erwiesen und Fakt. Nicht nur in den ersten 12 bis 16 Wochen. Auch das ist Social Media Mythos. Wir müssen nichts überstürzen, nichts aufholen und nicht in 4 Wochen alles trainieren, was der Hund noch nicht kann. Wir benötigen einen feinfühligen Blick dafür, wann unser Hund bereit ist, Neues aufzunehmen.
Ich habe meinen Hund Happy mit knapp 8 Jahren adoptiert: 5 Jahre lebte er an einer Kette, 2 Jahre im Shelter. Die Reize, die er in diesen Jahren erlebt hat, waren nicht nur zu wenige – sie waren meist negativ, belastend und angstauslösend.
Es fehlten die schönen Momente, die freudige Neugier, das gemeinsame Entdecken. Diese 7 Jahre wirken bis heute nach und das wird auch sein restliches Leben so bleiben.
Allerdings ist es auch beeindruckend, was er in den letzten 4 Jahren alles lernen konnte. Und zwar ohne Hundeschule, ohne Hau-Drauf-Praktiken, ohne „Der muss!“ und ohne „Sitz! Platz! Bleib!“. Dafür mit einem Tempo, das seinem Tempo entspricht. Dass seinem Gehirn die Möglichkeit gibt, mitzukommen. Alte Belastungen abzulegen, Neues aufzunehmen.
Was er mich gelehrt hat, ist die Bedeutung von kleinschrittigem Training und eine neue Definition von Fortschritt. Und dass wir das belastete oder eingerostete Gehirn langsam, wirklich seeeehr langsam an Neues gewöhnen müssen.
Die häufigste Frage, die ich höre, ist: „Ab wann soll ich mit dem Training beginnen?“ Meine Antwort: Es geht nicht um „Sitz! Platz! Bleib!“ oder das exakte Ausführen von Signalen, sondern um Sicherheit. Um Wohlfühlen. Und um Bindung. Das ist die Basis. Wenn die geschaffen ist, entsteht erwünschtes Verhalten darauf fast wie von selbst. Und hat mit „Training“ wenig zu tun, eher mit einem wohlwollenden Umgang, einem Blick auf die Bedürfnisse des Hundes und einer gewaltfreien Beziehung.
Wie lange braucht ein Tierschutzhund zum Ankommen?
Die Anpassung deines Tierschutzhundes an seine neue, fremde Welt braucht Zeit und Geduld. Und bringt in einigen Fällen massive Einschränkungen im Alltag der Bezugspersonen mit sich. Wenn du darauf vorbereitet bist, die zeitlichen und finanziellen Mittel aufbringen kannst und ein Netzwerk an professionellen Beratern und Therapeuten an deiner Seite hast, bist du auf jeden Fall gut vorbereitet und unterstützt. Zu wissen, was man vermeiden sollte und wie Du Deinem Hund die erste Phase des Kennenlernens möglichst angenehm gestaltest, erspart Dir und Deinem Hund jede Menge Stress, Ärger und Frust.
Bitte gib deinem Tierschutzhund Zeit, anzukommen. Nicht 2 Tage, nicht 2 Wochen, sondern alle Zeit der Welt, die er braucht.
Die vor allem sein Gehirn braucht, um all das Schöne, was ihn nun erwartet, auch annehmen und mit guten Emotionen verbinden zu können. Der Fokus muss immer darauf liegen, dass der Hund Neues entspannt kennenlernen kann. Sobald du das Gefühl hast, er fühlt sich nicht wohl, wirkt gestresst oder ängstlich, wird Neues nicht positiv abgespeichert.
Gerade das erste halbe Jahr bedeutet Ankommen für deinen Tierschutzhund. Seine neue Familie kennenlernen, Beziehung und Bindung aufbauen, Sicherheitsgefühl entwickeln, lernen, dass immer genug Futter, Liebe und Fürsorge vorhanden ist und lernen, wie der Tagesablauf aussieht. Und das Wichtigste: Lernen, dass er dir vertrauen kann! Dass von dir keine Bestrafung oder gar Gewalt ausgeht. Denn davon hatten viele Tierschutzhunde in ihrem früheren Leben schon genug.
Aber nicht nur dein Hund muss viel kennenlernen. Auch du solltest dir die Zeit nehmen, deinen Hund und seine Persönlichkeit kennenzulernen. Was mag mein Hund, was vielleicht nicht? Was findet er noch gruselig und wo braucht er deine Unterstützung? Welche Leidenschaft hat mein Hund und woran hat er Spaß? Weiß ich alles über bedürfnis- und bindungsorientierten Umgang mit Hund oder habe ich noch veraltete Trainingsansätze im Kopf, die der Beziehung eher schaden würden? All das sind Fragen, die euch in den ersten 6 Monaten beschäftigen sollten.
Sei auch achtsam mit dir selbst. Die Begleitung eines Tierschutzhundes, besonders wenn er reizarm aufgewachsen ist, ist kein Spaziergang. Sie erfordert Zeit, Geduld und ein gutes Verständnis für die individuellen Bedürfnisse und Möglichkeiten des Hundes.
Du brauchst dafür nicht nur modernes kynologisches Wissen, sondern auch emotionale Ausdauer. Es ist anstrengend, intensiv und manchmal auch frustrierend, das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Gleichzeitig bietet es die Möglichkeit, persönlich an dieser Aufgabe zu wachsen. Auch oder gerade weil man dabei seine eigenen Grenzen verschiebt.
Dabei ist es wichtig, die Erwartungen an sich selbst herunterzufahren und gemeinsam mit dem Hund zu lernen, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen. Und dem Hund zu helfen, in seinem neuen Leben nicht nur zurechtzukommen, sondern wirklich aufzublühen.
Immer deine individuellen Möglichkeiten und Ressourcen im Blick behalten, nichts erzwingen, vieles ermöglichen und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben.
Und denk immer daran: Kleine Schritte bringen dich langsam ans Ziel. Große Schritte bringen dich nie ans Ziel.
Nicht geliefert, wie bestellt: Meine persönliche Geschichte
Ottos Geschichte: So gelingt die Eingewöhnung
Bei der Adoption eines Tierschutzhundes sollte man sich bewusst sein, dass man eine große Verantwortung übernimmt. Man weiß nicht genau, welchen Typ Hund man bekommt, sollte daher auf vieles vorbereitet sein – und sich freuen, wenn’s einfacher geht als erwartet.
Perfekte Vorbereitung ist das A&O – und so erzähle ich euch die Geschichte von Otto, einem damals 1-jährigen Boxerrüden aus dem Auslandstierschutz. Im November 2023 bekam ich eine Anfrage, die mein Trainerherz höher schlagen ließ: „Hallo, diesen Samstag zieht bei uns ein Tierschutzhund ein. Wir haben uns gut vorbereitet, hätten aber gerne eine professionelle Unterstützung.“
Margit und Walter sind Ersthundebesitzer und waren sich von Beginn an ihrer Verantwortung bewusst. Es freut mich sehr, dass sie sich dazu entschieden haben, sich von Einzug an mit dem neuen Familienzuwachs begleiten zu lassen. Das ist meine liebste Arbeit, denn man kann so viel in die richtigen Bahnen lenken und unterstützen. Zumal es sich bei Otto ja nicht nur um einen Tierschutzhund handelt, der in seinem ersten Lebensjahr nichts kennengelernt hat, sondern auch noch um einen Jungspund mitten in der Adoleszenz aka Pubertät (“Hirn wegen Umbau geschlossen”).
Das kann durchaus eine herausfordernde Zeit für alle Beteiligten werden und benötigt viel Verständnis für die biologischen Vorgänge im Hundegehirn. Mir ist es daher immer wichtig, zu erklären, warum ein Verhalten gezeigt wird – das macht es dem Menschen einfacher, richtig darauf zu reagieren und den Hund nicht als „unerzogen“ oder „stur“ abzustempeln.
Das neue Leben von Tierschutzhund Otto: Von der Slowakei ins Mühlviertel
Otto zog im Alter von ca. 1 Jahr in seine ersten eigenen 4 Wände. Für ihn ist sein neues Zuhause bei seinen achtsamen und fürsorglichen Hundeeltern der Jackpot. Doch auch seine Menschen haben sehr viel Glück mit Otto. Er ist ein aufgeweckter, wissbegieriger und freundlicher Junghund, der aber aufgrund seines 1. Lebensjahres im Zwinger noch viel Unterstützung von seinen Menschen braucht, um sich an sein neues Leben und die damit verbundenen Reize zu gewöhnen.
Denn was für uns Alltag ist, ist für Otto neu. Alles. Vom Brustgeschirr angefangen, über die Kontaktaufnahme mit Artgenossen bis hin zu ausreichend Schlaf und Ruhe sowie bedürfnisgerechte Beschäftigung und Auslastung. All das gab es in seinem vorigen Leben nicht. Und ich bin dankbar, dass Otto Menschen gefunden hat, die sich dessen bewusst sind und ihn behutsam in sein neues Leben begleiten und einen selbstsicheren Alltagsbegleiter aus ihm machen.
Und zwar „Step by Step“ und nicht alles auf einmal!
Margit und Walter, warum habt ihr euch für einen Tierschutzhund entschieden und nicht einen Hund vom Züchter geholt?
Stichwort „Adoptieren statt produzieren“. Tierheime und Tierschutz gehen über mit Hunden, die ein schönes zuhause suchen. Ein Züchter war deshalb für uns nie ein Thema.
Eigentlich suchten wir nach einem etwas älterem (nach der Pubertät), größerem und schwarzen Hund, weil schwarze Hunde doch viel schwerer ein Zuhause finden. Aber Otto gefiel uns optisch so gut (Boxermischling, aber gesunde Nase) und es passte auch charakterlich. Beim Besuch der Pflegestelle hat Otto dann unser Herz blitzschnell erobert. Die Pflegestelle hat uns auch als passend für Otto empfunden.
Was wusstet ihr über Otto zum Zeitpunkt, wo er bei euch eingezogen ist?
Nur das, was in seiner Beschreibung auf der Tierschutzseite stand und was wir von der Pflegestelle erfuhren: „Er wurde zusammen mit seiner Mutter um Futter bettelnd auf der Straße gefunden. Otto liebt Streicheleinheiten, ist sehr gelehrig und ein Bussigeber. Allerdings muss er Reize in seinem Tempo erkunden dürfen und braucht Zeit, um diese neuen Eindrücke verarbeiten zu können.“
Warum habt ihr von Anfang an nach professioneller Unterstützung gesucht? Es gibt doch zahlreiche (kostenlose) Tipps auf Social Media und Google.
Da wir Ersthundebesitzer sind, wollten wir von Anfang an kompetente Unterstützung, um Fehler in der Erziehung und im Umgang mit einem Tierschutzhund zu vermeiden. Wichtig war uns neben belohnungsbasiertem Training auch vorhandene Erfahrung mit Tierschutzhunden und wissenschaftlich fundierte Methoden.
Und prompt wurden schon innerhalb der ersten zwei Trainingsstunden unsere alten Denkmuster (wer trifft die Entscheidungen, Dominanz usw.) über den Haufen geworfen und ein Umdenken war notwendig, um Empfehlungen und „Hausaufgaben“ umsetzen zu können. Wobei wir anfangs bei dem einen oder anderen Ratschlag von dir durchaus auch mal skeptisch waren, ob sie in der Praxis wirklich funktionieren – aber bis jetzt hat noch immer alles tadellos geklappt!
Tipps von Google und Social Media wollten wir nicht: Otto ist uns zu wichtig, um auf Halbwissen zu setzen.
Womit habt ihr nicht gerechnet, als Otto bei euch eingezogen ist?
Wir hatten uns unserer Meinung nach gut auf den neuen Mitbewohner vorbereitet und waren der Meinung, nichts könnte uns überraschen – bis uns Otto gezeigt hat, wie heftig die Pubertät bereits Gelerntes wieder in Frage stellen kann.
Was hat euch positiv überrascht bzw. hättet ihr euch schlimmer vorgestellt?
Wie schnell Otto lernt und wie rasch verschiedenste Reize/Probleme, die noch Tage zuvor große Probleme machten, plötzlich kein Thema mehr sind (z.B. Kirchenglocken, Stiegen steigen). Das ging aber nur, weil wir gelernt haben, wie wir Otto richtig an diese Reize heranführen. Nachdem er ein cleveres Kerlchen ist, hat er sehr schnell verstanden, dass diese Reize keine Bedrohung für ihn sind.
Wie hat sich euer Leben bzw. euer Alltag verändert, seit Otto eingezogen ist?
Wir kommen auf jeden Fall mehr an die frische Luft als vorher und unser Tagesablauf hat sich an die Bedürfnisse von Otto angepasst. Ein Hund kostet Zeit und Geduld, aber schon seine pure Anwesenheit ist eine Bereicherung für unser Leben.
Was möchtet ihr Neo-Adoptanten unbedingt sagen?
Habt keine Angst vor einem Hund aus dem Tierschutz. Es ist nicht so, dass alle Tierschutzhunde große Probleme haben (…“weil sonst wären sie ja nicht hinter Gittern“…). Man muss die eigenen Anforderungen an den Hund überlegen, was passt zu mir, was nicht und nicht ausschließlich aufgrund der Optik entscheiden. Und dann muss man noch eine seriöse Tierschutzorganisation finden. Und man sollte sich auf jeden Fall begleiten bzw. beraten lassen.
Was ihr der Welt noch sagen möchtet, ich aber nicht gefragt habe?
Im Internet, von manchen Hundebesitzern und sogar im Fernsehen wird so viel Unsinn über Hundeerziehung verbreitet, sucht euch gute Trainer und ignoriert die „guten“ Ratschläge. Jahrelange Hundehaltung bedeutet nicht, dass sich jemand auskennt.
Du wirst jetzt vielleicht feststellen, dass Otto und seine neue Familie von keinen größeren Schwierigkeiten berichten. Das ist nicht geschönt, sondern entspricht den Tatsachen. Nun ist es aber nicht so, dass Margit und Walter das geschenkt bekommen haben und nichts trainiert werden muss. Im Gegenteil. In erster Linie müssen Ottos Menschen trainiert werden – und zwar in Hinblick auf Ottos Bedürfnisse, faire und gewaltfreie Kommunikation und auch Hundesprache lernen und Verhalten einschätzen lernen. Was sehr einfach klingt, ist jedoch ein tagfüllender Job, wenn man ihn ernst nimmt. Und das machen Margit und Walter. Und das, liebe Leute, ist auch der Hauptgrund, warum das Zusammenleben der Drei so toll klappt.
Es gibt aber noch einen Grund, der meiner Meinung nach wesentlich dazu beigetragen hat, dass aus Margit und Walter und Otto so schnell eine harmonische Familie wurde: Die Beschreibung, die Otto seitens Tierschutzorganisation mitbekommen hat, trifft auf ihn zu 100% zu. Seine positiven Eigenschaften, sowie auch seine Schwächen – wie zB seine Unsicherheit neuen Reizen gegenüber. Diese muss von Beginn an beachtet und behutsam trainiert werden, damit aus dieser Unsicherheit keine Überforderung wird, die dann in Angst- oder Aggressionsverhalten endet. Also auch die Tierschutzorganisation und die Pflegestelle haben hier sehr gute Arbeit geleistet, indem sie das von Beginn an erkannt und auch thematisiert haben.
Warum das erwähnenswert ist? Weil das bei weitem nicht selbstverständlich ist. Sehr oft werden Beschreibungen sehr allgemein gehalten, sehr oft wissen Organisationen selber nicht Bescheid über das Wesen des zu vermittelnden Hundes, sehr oft werden Formulierungen verwendet, die man als Adoptant halt gerne liest und sehr oft werden Verhaltensweisen schöngeredet. Denn der Hund muss ja raus aus dem Zwinger. Wenn der Adoptant die Hundeauswahl dann nur aus Mitleid oder aufgrund der Optik trifft, ist das einer der Hauptgründe warum Adoptionen schief gehen. Die Erwartungshaltung, die mit einer Beschreibung des Hundes geschürt wird und die, die man selber hat („Der muss doch dankbar sein.“), wird in der Realität dann in keinster Weise erfüllt. Das sorgt für Unsicherheit, Stress und mitunter auch Ärger mit dem neuen Familienmitglied.
Wenn du dir persönliche Unterstützung wünscht
Hast du das Gefühl, dein Hund ist sehr gefordert oder sogar überfordert, lohnt es sich, den Alltag deines Tierschutzhundes genau unter die Lupe zu nehmen. Und zwar aus seiner Perspektive. Und genau das machen wir in der Verhaltensberatung.
Wir sammeln alle großen und kleinen Stressoren, die im Hundealltag vorkommen, machen diese sichtbar (viele davon sind uns Menschen gar nicht bewusst) und versuchen sie zu sortieren:
- Welche Stressoren lassen sich einfach beheben, wenn sie erst einmal bekannt sind?
- An welche Stressoren kann der Mensch arbeiten, wenn er weiß, wie?
- Welche Stressoren entstehen aufgrund von unerfüllten Bedürfnissen?
- Was fehlt dem Hund zur Stressregulation? Wie kann der Mensch helfen, den Akku wieder aufzuladen?
- Wie belastbar ist der Hund in Bezug auf seine Vergangenheit, seine körperliche und psychische Verfassung?
- Wie können wir die mentale Leistungsfähigkeit des Hundes verbessern?
- Welche Faktoren beeinflussen zusätzlich die Lernfähigkeit des Hundes?
Ein ganzheitlicher Blick auf den Hund und seinen Alltag geben uns sehr rasch einen Anhaltspunkt, wozu der jeweilige Hund zum aktuellen Zeitpunkt überhaupt in der Lage ist. Und danach richten sich die weiteren Trainingsschritte. Und auch das Tempo, ob und wann Herausforderungen präsentiert werden. 0815 Hundetraining, Tipps aus der Facebook Gruppe oder der Nachbarin bringen dich hier nicht weiter.
Wünscht du dir persönliche Unterstützung? Dann kannst du hier einen Termin für eine 1:1 Verhaltensberatung buchen.
Häufige Fragen zur Eingewöhnung eines Tierschutzhundes
Was mache ich, wenn mein Tierschutzhund völlig überfordert ist?
Wenn dein Hund bei der Eingewöhnung überfordert wirkt (hechelt, rastlos umherläuft, nicht schläft, aggressiv reagiert oder Dinge zerstört), ist sein Nervensystem überlastet. Gib ihm Zeit, runterzukommen – auch wenn das bedeutet, dass ihr tagelang „nichts macht“. Je mehr du von ihm verlangst, desto überlasteter wird sein Gehirn. Weniger ist mehr. Auch wenn alle anderen das Gegenteil behaupten. „Der muss mehr ausgelastet werden“ (was bedeutet, er soll noch mehr und länger draußen in der überfordernden Umwelt unterwegs sein) ist hier der völlig falsche Tipp. Sollen wir gemeinsam rausfinden, was dein Hund braucht? Dann melde dich bei mir!
Ist ein Tierschutzhund für Anfänger geeignet?
Ich arbeite mit vielen Ersthundehaltern: Sie haben Empathie und Bauchgefühl, wollen es richtig machen, sind wissbegierig und top motiviert, damit ihr Hund sich sicher und geborgen fühlt. Sie lesen, lernen, recherchieren – und lehnen Hau-Drauf-Trainer, veraltete Methoden und Gewalt strikt ab. Das feiere ich.
Sind wir mal ehrlich: 30 Jahre Hundeerfahrung bedeuten nicht automatisch aktuelles Wissen. Selbst wenn man bereits 10 Hunde hatte – der eine war noch nicht dabei.
Wie lange braucht ein Tierschutzhund, um anzukommen?
6 Monate im Durchschnitt lt. meiner Erfahrung – nicht 3 Monate, nicht 2 Wochen, nicht ein paar Tage. Die bekannte „3-3-3-Regel“ (3 Tage, 3 Wochen, 3 Monate) ist zu pauschal und steht maximal im Lehrbuch. In der Praxis sieht es ganz anders aus: Manche Hunde brauchen 3 Wochen, andere 2 Jahre.
Ankommen heißt nicht: dein Hund ist da. Ankommen heißt: dein Hund fühlt sich sicher, hat Routinen verinnerlicht, zeigt Bindungsverhalten und kann Neues entspannt aufnehmen. Plane mindestens das erste halbe Jahr als Eingewöhnungsphase.
Ab wann soll ich mit meinem Tierschutzhund trainieren?
Das Nervensystem deines Tierschutzhundes ist durch den Umzug zu dir, oftmals verbunden mit Ausreiseuntersuchungen und tagelangem Transport, ziemlich angespannt. Gib ihm die Zeit, die er braucht, um seine neue Umgebung, seine neuen Menschen und seinen neuen Alltag kennenzulernen. Schritt für Schritt, in seinem Tempo. Manche Hunde brauchen viel Zeit, manche weniger. Training findet sowieso immer statt – 24/7 in eurem Alltag.
Wenn du mit Training die Hundeschule meinst, habe ich eine klare Meinung dazu: Für die meisten Tierschutzhunde ist das nicht der richtige Ort. Investiere lieber in individuelles Einzeltraining – aber nur bei gewaltfrei und bedürfnisorientiert arbeitenden Trainern. Ist dein Hund noch sehr gestresst, ist Lernen nicht möglich. Hier bedarf es der Unterstützung eines Verhaltensberaters, um die Basis für gutes Lernen zu schaffen.

Daniela Loibl - Hundeverhaltensberaterin
Ich begleite Hunde, die mit den Anforderungen des neuen Lebens überfordert sind - und Menschen, die verstehen wollen, warum. Mein Hund Happy, ein ehemaliger Kettenhund mit komplexer PTBS, hat mir gezeigt, was fundiertes Wissen, Geduld und ein tieferes Verständnis für Verhalten bewirken können, wenn Training allein nicht reicht. Mein Ansatz basiert auf verhaltensbiologischen und neuropsychologischen Erkenntnissen - modern, bindungsorientiert und 100 % gewaltfrei.
Vom Ankommen zum Aufblühen – dein Weg mit deinem Tierschutzhund
Eingewöhnung ist kein Training, sondern Beziehungsarbeit. Ich zeige dir, wie du die Bedürfnisse deines Hundes erkennst und Sicherheit schaffst.
Online Vortrag
KÖRPERSPRACHE
LESEN LERNEN
Hunde verändern laufend ihren Körperausdruck. Wer diese feinen Veränderungen lesen kann, erkennt früh, wann ein Hund Unterstützung braucht, wann er überfordert ist und wann er bereit ist für Nähe oder Begegnung.
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